Zinssenkung schädlich
Merkel greift in EZB-Debatte ein

Bundeskanzlerin Merkel sieht die EZB bei den Zinsen im Dilemma. Deutschland bräuchte eigentlich höhere Zinsen - andere Länder noch niedrigere. Auch EZB-Direktor Asmussen warnt: Langfristig könnten Störungen auftreten.
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Dresden/Frankfurt/LondonEs kommt selten vor, dass sich Regierungspolitiker über die Belange der EZB äußern. Bundeskanzlerin Angela Merkel machte heute auf dem Deutschen Sparkassentag in Dresden eine Ausnahme. Nach ihrer Ansicht müsste die Europäische Zentralbank (EZB) für Deutschland eigentlich die Zinsen erhöhen.

„Die EZB sitzt in einer ganz schwierigen Sitzung“, sagte sie. „Sie müsste für Deutschland im Augenblick die Zinsen im Grunde wahrscheinlich etwas erhöhen, aber sie müsste für andere Länder eigentlich noch mehr tun dafür, dass noch mehr Liquidität zur Verfügung gestellt wird und vor allem, dass diese Liquidität für die Unternehmensfinanzierung ankommt.“ Merkel forderte ehrgeizige Reformen in Europa, damit sich die Wettbewerbsfähigkeit der verschiedenen Volkswirtschaften wieder annähert. „Wenn wir wieder zu einem erträglichen Zinsniveaus kommen wollen, dann müssen wir diese interne Spaltung des Euroraums überwinden.“

Ähnlich wie Merkel argumentierte die EZB bei der Rechtfertigung ihres Anleihekaufprogramms OMT. Sie kündigte an, im Notfall Anleihen der Krisenländer zu kaufen. Ihre Begründung lautete: Der gemeinsame Währungsraum sei bei den Zinssätzen gespalten.

Auch EZB-Direktor Jörg Asmussen warnt vor den negativen Folgen einer Zinssenkung für Deutschland. Im Zentrum der Währungsunion, also in Deutschland, würden die ohnehin schon historisch laxen finanziellen Bedingungen durch eine Zinssenkung noch weiter gelockert. "Das ist an sich noch kein Problem - allerdings können zu lange zu niedrige Zinsen zu Störungen führen." Diese Kosten seien real und stiegen mit der Zeit, warnte das Mitglied des sechsköpfigen Direktoriums der Europäischen Zentralbank (EZB).

Eine Leitzinssenkungen der EZB hätte nach Ansicht von Asmussen auch nur einen begrenzten Nutzen. Wegen der fragmentierten Finanzmärkte könnten niedrigere Zinsen sogar in einer Art und Weise wirken, wie sie von der EZB gar nicht gewünscht sei, sagte der frühere deutsche Finanzststaatssekretär am Donnerstag laut Redetext in London. „Angesichts der gestörten Übertragungskanäle der Geldpolitik wäre die Effekte von Zinssenkungen in der Peripherie begrenzt, genau dort, wo sie am dringendsten gebraucht würden.“

Der EZB-Rat entscheidet am kommenden Donnerstag über den Leitzins. An den Finanzmärkten wird wegen der mauen Konjunktur eine Zinssenkung erwartet.

Zuletzt hatten mehrere hochrangige Notenbanker mit ihren Äußerungen die Spekulation um Zinssenkungen angeheizt. „Wir können die Zinsen anpassen, wenn neue Informationen vorliegen,“ hatte zum Beispiel Bundesbank-Chef Weidmann vergangene Woche in einem Interview gesagt. Nun liegen neue Informationen vor: Der Ifo-Index in Deutschland, der wichtigste Gradmesser für die größte Volkswirtschaft im Euro-Raum, ist im April gefallen.

Auch EZB-Vize Vitor Constacio hatte gesagt: „ Wir haben noch etwas Spielraum, um Entscheidungen zu treffen.“ Asmussens Aussagen nähren Zweifel an einer baldigen Zinssenkung.


Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur
Mallien Jan
Jan Mallien
Handelsblatt / Geldpolitischer Korrespondent

Kommentare zu " Zinssenkung schädlich: Merkel greift in EZB-Debatte ein"

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  • Sehr wohl und geballt vorgetragen, aber in dem Spannungsfeld der Parteien, die alle um die Macht besessen sind, herumlügen vor den Wahlen, Versprechungen machen, die nicht haltbar und finanzierbar sind, geht das nicht!
    Man will allen Herren zugleich dienen, das geht nicht!
    Die Universalbanken verdienen sich am niedrigen Zins eine "goldene Nase", weil sie diese nicht weitergeben.
    Sehr bequem für die Vorstände, wenn sie dann noch lästige Kunden einfach mit Hilfe des ZVG aus ihrer Behausung werfen, gnadenlos und gewissenlos!
    Dazu gehören auch namhafte Gesellschaften wir R+V-Leben, Karlsruher Leben (Württembergische) und auch örtliche Volksbanken. Dann bedient man die Schnäppchenjäger oder vorbereitete Kunden aus dem selbst betriebenen Immobiliengeschäft.
    Eine schäbige Basis, wenn man heute Kredit erwünscht.

  • @Freidenker
    Sie fragen....WIE soll ein Wachstumspfad aussehen....
    Ganz einfach "Freidenker"....Weniger Staat/Regulierung um mehr Marktwirtschaft/Wettbewerb. Weniger staatlich eingeschränkte Forschung und mehr offene Forschung. Besser eingerichtet Bildungseinrichtungen. Mehr Geld für die Instandhaltung der Infrastrukturen. Besseres Kostenmanagment von Staatsausgaben. Zurückschneiden der Sozialausgaben in dem man auf eine für alle Bürger verbindliche Leistungsbasis reduziert. Verwaltungsauswüchse zurück schneiden. Korruption und Vetternwirtschaft in der deutschen Politik mit Gesetzen ernsthaft bekämpfen. Der Ideologiepropaganda keinen Raum lassen und für eine freie und offen Wissenskultur eintretten. (Stichworte Kernkraft,Gentechnik,Energie,Industrie,Chemie usw.usw.)
    Es liegt vieles im argen seit dieses grünsoziale Gedankengut vor fast 15 Jahre einen immer mehr und mehr dominaten Einfluss auf die deutsche Gesellschaft per Politik und Medien genommen hat!
    Wenn das Umweltministerium schon mehr zu sagen hat, wie das Wirtschaftsministerium, dann sagt dies schon ALLES aus!
    Das Umweltministerium ist zu einer grünsozialen Krage geworden, die unser freies Bürgerleben immer mehr einengt!

  • Eine Frage bleibt offen, gibt es ggf. Profiteure, die die Krise und das komplizierte System besser verstehen als unsere Regierung und die bei dem „hin und her“ der Rettungsaktionen mit ihren Wetten kräftig verdienen?

    Ja, z.B. der Hedgefund Manager KYLE BASS, der weiß wie man in einer Krise Profit macht indem man gegen gegen den Trend wettet. Im Video (engl.) unten spricht er über Japan, Europa, die USA und Gold.

    http://www.zerohedge.com/news/2013-04-09/kyle-bass-perplexed-golds-low-price

    oder

    http://kylebassblog.blogspot.de/

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