Zinssenkung
Wenn Notenbankern die Ideen ausgehen

Die Kapitalmärkte stehen Kopf – zumindest in Norwegen. Trotz der jüngsten Leitzinssenkung der Zentralbank wertete die Norwegische Krone auf statt ab. Es ist nicht die einzige Notenbank, deren Werkzeuge kaum noch wirken.

DüsseldorfSo hatte sich das Øystein Olsen sicher nicht vorgestellt. Der Chef der norwegischen Zentralbank (Norges Bank) hat am Donnerstag den Leitzins auf das Rekordtief von 0,5 Prozent gesenkt. Das Kalkül der Notenbanker: Ein noch niedrigerer Leitzins schwächt die heimische Währung - und das hilft der vom gesunkenen Ölpreis gebeutelten Wirtschaft des Landes, am Weltmarkt wettbewerbsfähiger zu werden. Schließlich würde der in fremde Währungen umgerechnete Preis ihrer Waren günstiger werden.

Normalerweise können sich die Notenbanker auf ihre Werkzeuge verlassen. Senken sie den Leitzins, schwächt dies der reinen Lehre zufolge unmittelbar die heimische Währung. Der Grund: Niedrigere Zinsen machen Kapitalanlagen sowohl für Investoren aus dem In- als auch dem Ausland weniger attraktiv. Also sinkt die Nachfrage nach der Inlandswährung und mit ihr der Kurs gegenüber stärker nachgefragten Fremdwährungen. Soweit die Theorie.

Bei der Norwegischen Krone hakte dieser Mechanismus gestern. Statt abzuwerten, verteuerte sich die Krone gegenüber dem Euro, und zwar gleich um ein Prozent. Das ist ein für den Devisenhandel hoher Wert. Für einen Euro bekommt man am Freitag 9,3787 norwegische Kronen. Vor der Notenbankentscheidung waren es noch 9,4908 Kronen. Da half es auch nichts, dass der Zentralbankchef weitere geldpolitische Lockerungen in Aussicht stellte.

Der Notenbankchef gibt sich ratlos: „Ich weiß nicht, warum die Krone aufgewertet hat“, wunderte sich Olsen in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Bloomberg. Vermutlich aber sei die insgesamt angespannte Marktlage verantwortlich: „Die Finanzmärkte reagieren einfach nervös auf Nachrichten.“

Die unmittelbare Reaktion an den Devisenmärkten kann sich auch Kristoffer Kjær Lomholt nicht erklären. Dass sich die Krone verteuerte, ergebe „keinen Sinn“. Es sei einfach „seltsam“ sagt der Analyst der Danske Bank.

Die Aufwertung der Krone kommt für die Währungshüter ungelegen. Denn obwohl die die Norges Bank ihren Auftrag derzeit übererfüllt – ihr Ziel ist eine Inflation von 2,5 Prozent, tatsächlich lag sie im Februar allerdings bei 3,4 Prozent – stagniert die norwegische Wirtschaft. So hat sich das Wachstum im zweiten Halbjahr 2015, die Ölindustrie herausgerechnet, kaum von der Stelle bewegt. Norwegen will weg von der Ölabhängigkeit – und dazu ist eine starke Krone ein Hindernis.

Das Beispiel Norwegens zeigt die Hilflosigkeit, vor der Notenbanker nach einer Phase lang anhaltender Niedrigzinsen stehen. Das bekommen auch die Japaner zu spüren. Die dortige Notenbank hat die Zinsen Anfang des Jahres in den Negativbereich gedrückt, mit unerwarteten Konsequenzen. Statt ab- hat der Yen seit Jahresbeginn gegenüber dem Dollar acht Prozent aufgewertet und ist gegenüber der US-Währung so stark wie seit Oktober 2014 nicht mehr.

Die Frage, die dieses Gegenspiel aufwirft ist: Wo bleibt der Spielraum für den eigenen Staat, wenn Notenbanken rund um die Welt sich mit ihren Leitzinsen unterbieten? Für die Märkte könnte der lockere Kurs der Notenbanken mehr Volatilität bedeuten. Auch für das Wachstum der Weltwirtschaft könnte sich der geöffnete Geldhahn als ungünstig erweisen: Wenn nur eine Notenbank die Leitzinsen senkt und eine Währungsabwertung erreicht, ist das erst einmal gut für die Exportprodukte ihrer Wirtschaft. Tun aber mehrere Banken dasselbe, ebbt der positive Effekt ab. „Es ist zunehmend beunruhigend, dass die Zentralbanken die Grenzen ihrer Möglichkeiten austesten“, sagt der Devisenstratege Brian Dainerfield von RBS Securities dem Wall Street Journal. „Mit jedem neuen Werkzeug, das sie sich nehmen, leert sich der Werkzeugkasten“, sagt Dainerfield.

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