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11.08.2008  | Aktualisiert 11.08.2008, 16:05 Uhr 
Bankbilanzen

Alice in Amerika

von Klaus C. Engelen und Frank Wiebe

Es gibt allerdings einen Unterschied: In den USA ist dieser Trick üblich. In Europa stellt die IKB eine große Ausnahme dar. Wenn man sich näher mit diesem Trick beschäftigt, dann erscheinen einige Aspekte der internationalen Finanzkrise in ganz neuem Licht.

Wie funktioniert der Trick? Es kann passieren, dass die Anleihen, die eine Bank herausgegeben hat, im Wert sinken. Zum Beispiel dann, wenn eine Ratingagentur diese Anleihen herabgestuft hat. Der Trick besteht darin, diese Anleihen auf der Passivseite der Bilanz dann nur noch mit dem niedrigeren Marktwert zu verbuchen. Das wirkt sich dann genauso aus, als seien die Schulden der Bank geschrumpft - und sie kann in entsprechender Höhe einen Gewinn verbuchen.

Nehmen wir an, eine Bank hat Anleihen im Volumen von zehn Milliarden Dollar herausgegeben. Wenn deren Marktwert auf neun Milliarden sinkt und sie ihre Bilanz entsprechend anpasst, kann sie eine Milliarde als Gewinn verbuchen.

Wenn Ihnen diese Art der Bilanzierung völlig absurd vorkommt, liegen Sie nicht ganz falsch. Man muss sich nur einmal den Extremfall denken: Die Bank geht pleite, der Marktwert ihrer Anleihen sinkt gegen null - und als Folge kann sie einen Gewinn von zehn Milliarden verbuchen. Außerdem gilt: Diese Art der künstlichen Gewinnerzeugung funktioniert auch bei Papieren, die kurz vor der Rückzahlung stehen. Eine Bank kann einen Gewinn verbuchen, obwohl sie die Anleihe schon im nächsten Quartal zurückzahlen muss - in voller Höhe.

Wie kommt überhaupt jemand darauf, so zu bilanzieren? Hier wird das Prinzip, nach Marktpreisen zu bewerten, das für die Aktivseite der Bilanz (das Vermögen) ohnehin gilt, auf die Passivseite (die Schulden) übertragen. Ein Beispiel dafür, dass ein völlig logisches Prinzip zu ziemlich absurden Konsequenzen führen kann.

Nach amerikanischem Bilanzrecht ist dieser Trick relativ einfach anzuwenden, deswegen ist er in den USA auch üblich. Nach den IFRS-Regeln, die inzwischen in den meisten anderen Ländern der Welt gelten, darf er dagegen nur in wenigen Ausnahmefällen angewendet werden. De facto ist er in Europa völlig unüblich. Daraus ergeben sich einige Schlussfolgerungen.

Erstens: Die IKB, die überwiegend im Staatsbesitz ist, hat es nur durch eine bei uns sehr ungewöhnliche Bilanzierung vermieden, dass der Steuerzahler sie mit noch mehr Geld auffangen muss.

Zweitens: Beim Vergleich amerikanischer und europäischer Häuser - etwa zwischen Goldman Sachs und der Deutschen Bank - haben die Amerikaner einen Vorteil, zumal wenn bei einem schwachen Kreditmarkt die Kurse von Zinspapieren fallen.

Drittens: Ohne diesen Bilanztrick sähen einige angeschlagene US-Häuser wahrscheinlich noch weit übler aus.

Außerdem zeigt sich so eine neue Nuance im Streit über die Bewertung nach Marktwerten. Der internationale Großbankenverband IIF, der von Josef Ackermann, dem Chef der Deutschen Bank, geleitet wird, hatte angeregt, bei sehr schwachen Kursen den Grundsatz der Bewertung nach Marktpreisen aufzuweichen. Er will so die Banken davor schützen, zu hohe Verluste ausweisen zu müssen. Goldman Sachs ist strikt dagegen - es fiel sogar das Zitat von "Alice in Wonderland"-Buchführung.

Wenn man sich den Trick mit der Abwertung der Schulden anschaut, dann haben die US-Banken durch die Bilanzierung nach Marktwerten aber einen echten Vorsprung - mit zweifelhafter Berechtigung. Gerade dann, wenn die Märkte schwierig sind, kann es äußerst hilfreich sein, wenn man einen der Teil der Schulden als Eigenkapital umbuchen kann. Experten lächeln daher darüber, wie die Amerikaner sich als Saubermänner präsentieren.

Es gibt nun Bestrebungen, die Bilanzierungen in Europa und in den USA aneinander anzugleichen. Dabei dürfte im Gefolge der Finanzkrise der Trend aber dahin gehen, im Zweifel weniger trickreich zu verfahren. Der Trend, alles möglichst konsequent nach Marktwerten zu buchen, hat seinen Höhepunkt wahrscheinlich schon überschritten.

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