Eigentlich gelten die Investmentbanker von Goldman Sachs als fast unfehlbar. Kein Geldinstitut steuerte bislang so geschickt und glücklich durch die Untiefen der Finanzkrise. Doch vor einigen Wochen unterlief den Analysten des Branchenprimus ein bedauerlicher Fehler - sie rieten ihren Kunden zum Kauf von Bankaktien. Eine Empfehlung, die Goldman inzwischen zerknirscht wieder zurückgezogen hat. Zu Recht, denn die Spätfolgen der Kreditkrise werden die Banken weltweit nicht nur über Monate, sondern vermutlich über Jahre hinweg schwer belasten.
Allzu sehr sollten sich die Goldmänner dennoch nicht grämen, machten doch viele denselben Fehler wie die US-Investmentbank. Tatsächlich schien es bereits so, als ließe sich das Ende der schwersten Bankenkrise seit den 30er-Jahren präzise terminieren. Am 17. März 2008 stand die US- Investmentbank Bear Stearns
vor dem Kollaps und musste vom Konkurrenten JP Morgan
aufgefangen werden. Gleichzeitig öffnete die US-Notenbank den Geldhahn für alle anderen Investmentbanken und machte damit klar, dass sie bereit war, den Zusammenbruch weiterer Geldhäuser mit allen Mitteln zu verhindern, um einen Dominoeffekt zu vermeiden. Allgemein wurde das als Wendepunkt in der Kreditkrise gefeiert: Die Gefahr ernster Schäden für die Stabilität des Weltfinanzsystems sei endgültig abgewendet.
Mit ein wenig Glück könnte das sogar stimmen. Aber selbst wenn es nicht zur großen Strukturkrise kommt, müssen die Banken lernen, mit den Spätfolgen der Krise zu leben, und das wird bereits schwierig genug. Im Investment-Banking, dem Wachstumstreiber der vergangenen Jahre, brachen die Einnahmen im ersten Halbjahr weg, und mit einer schnellen Erholung rechnet inzwischen keiner mehr. Im Kreditgeschäft müssen sich die Banken damit abfinden, dass das Geschäftsmodell, das den Boom der vergangenen Jahre getrieben hat, nicht mehr trägt.
Das Modell, das im Zentrum der aktuellen Krise steht, läuft unter dem angelsächsischen Fachbegriff Originate-to-Distribute. Dahinter steckt das Prinzip, dass Banken Finanzierungslösungen nur noch organisieren und die daraus resultierenden Kredite nicht in den eigenen Büchern halten, sondern über komplexe Instrumente an den Kapitalmarkt weiterverkaufen. Die Optimisten hofften, dass dadurch die Risiken auf mehr Schultern verteilt würden. Das stimmte zwar, aber leider behielten auch die Pessimisten recht, die warnten, dass die Banken viel zu sorglos würden, wenn sie für Kreditrisiken, die sie schaffen, nicht mehr geradestehen müssen.


