Es ist jedoch höchst fraglich, ob eine LTCM-Lösung diesmal den gleichen Erfolg gehabt hätte wie vor zehn Jahren. Zu groß sind die Unterschiede. So repräsentieren die Banken, die am Wochenende im New Yorker Fed-Gebäude zum Krisengipfel gerufen wurden, nur einen Teil der relevanten Akteure. Anders als 1998, als man die mit LTCM verwobenen Finanzinstitute noch um einen Tisch versammeln konnte, sind heute die Betroffenen aufgrund der weltweiten Verbriefung von Risiken über den Globus verstreut. Das erschwert eine pragmatische Lösung.
Außerdem hätte eine Branchenlösung für Lehman kaum das grundsätzliche Misstrauen in das angeschlagene Finanzsystem wiederherstellen können. Was ist, wenn am nächsten Wochenende das Brokerhaus Merrill Lynch
oder der weltgrößte Versicherer AIG
auf der Kippe stehen? Beide Häuser haben ebenfalls mit Milliardenverlusten in ihren Vermögensanlagen zu kämpfen.
Außerdem: Viele selbst schwer angeschlagene Banken haben schon jetzt alle Mühe, zusätzliches Kapital in die angeschlagene Bank Lehman zu pumpen. Solch ein Akt der erzwungenen Barmherzigkeit lässt sich nicht im Wochenrhythmus wiederholen.
Eine systemweite Lösung kann deshalb nur vom Staat kommen. Ähnlich wie auf dem Höhepunkt der Savings & Loan-Krise in den USA Ende der 80er-Jahre sollte die amerikanische Regierung einen Trust ins Leben rufen, der systemwichtige, vor dem Zusammenbruch stehende Banken samt ihrer Vermögensteile in die staatliche Obhut nimmt und später liquidiert. Nur so lässt sich vermutlich das Vertrauen in das Finanzsystem wiederherstellen. Für eine solche radikale Lösung hat sich gerade der frühere Fed-Chef Alan Greenspan ausgesprochen.
Der ordnungspolitische Preis für einen derart massiven Staatseingriff wäre hoch. Müsste sich die Finanzbranche doch darauf gefasst machen, dass die staatlichen Aufseher ein erhebliches Wort bei der künftigen Ausgestaltung ihrer Märkte und Produkte mitreden würden. Doch ein Ende der Finanzkrise mit Schrecken ist allemal besser als ein Schrecken ohne Ende.
