Für Politiker ist es eine gute Übung, sich hin und wieder in die Lage ganz normaler Bürger zu versetzen. Das gilt auch für Geldpolitiker.
Die Europäische Zentralbank (EZB) nimmt die Sorgen der Bevölkerung ernster als die Analysten und Ökonomen, die ihr gute Ratschläge geben. Deswegen hat ihr Präsident Jean-Claude Trichet immer wieder vor Inflationsgefahren gewarnt: Die Menschen spüren, dass ihnen das Geld unter den Fingern zerrinnt. Deswegen hat die EZB Anfang Juli ihren Leitzins noch einmal um einen Viertelprozentpunkt erhöht, obwohl schon damals zu befürchten war, dass die europäische Konjunktur in den Sog der internationalen Finanzkrise und der wirtschaftlichen Probleme in den USA geraten würde. Sie wollte verhindern, dass der Eindruck entsteht, sie schaue dem Preisanstieg, der viele Menschen verunsichert, einfach tatenlos zu. Und sie hatte recht.
Die Ökonomen, die die EZB kritisieren, haben auch recht - aber eine verengte Sicht. Es stimmt: Der Preisanstieg hat seine Ursachen vor allem in den steigenden Rohstoffkosten, und die können die Geldpolitiker kaum beeinflussen. Es stimmt auch: Wenn die Konjunktur sich eintrübt, wird auch die Inflation nachlassen. Und es ist richtig: Eine Erhöhung der Leitzinsen ist in einer Situation, in der die Konjunktur schon auf der Kippe steht, nicht direkt hilfreich.
Nur ist es ein Irrtum, sich den Zusammenhang zwischen Leitzinsen und Konjunktur allzu mechanisch vorzustellen. Unternehmen investieren, wenn sie Absatzchancen sehen, und nicht bloß deswegen, weil die Kredite billig sind. Verbraucher kaufen ein, wenn sie zuversichtlich sind, und nicht, weil es billig ist, sich zu verschulden, oder weil die Sparzinsen keinen Spaß machen. Wenn der Ärger über steigende Preise zunimmt und die Bürger das Gefühl haben, dass niemand ihre Sorgen ernst nimmt, dann hat das größere Auswirkungen auf die Konjunktur als ein Viertelprozentpunkt mehr oder weniger bei den Leitzinsen.
Man kann der EZB Populismus vorwerfen. Man kann ihr ankreiden, dass es ihr manchmal zu wichtig ist, sich als Inflationsbekämpferin beliebt zu machen. Dass sie sich bei den Bürgern einschmeicheln will. Dass sie allzu penetrant auf die hohen Zustimmungsraten in der Bevölkerung hinweist. Dass sie Experten gegenüber ihre Glaubwürdigkeit bei der Einschätzung der Konjunktur aufs Spiel setzt.
Alles geschenkt. Aber ist das so schlimm? Ist nicht vor allem das Vertrauen der Bürger in die Geldpolitik enorm wichtig? Letztlich beruht nur darauf der Wert des Geldes, auf nichts anderem. Deswegen können Geldpolitiker viel eher damit leben, dass Experten ihre Glaubwürdigkeit als Konjunkturpropheten infrage stellen, als wenn die Bürger den Eindruck haben, dass sie ihren Job nicht ernst genug nehmen.
Geldpolitiker müssen übrigens auch die Gewohnheiten ihrer Bürger sehr genau kennen. In Europa, und ganz besonders in Deutschland, spielt die Angst vor der Inflation eine relativ große Rolle. Die Chance, die Verbraucher mit billigen Krediten zum Konsum zu verführen, ist dagegen relativ gering. Deswegen funktioniert hier manches anders als in den USA, die traditionell eine viel aktivere Geldpolitik betreiben. Was nicht verhindert hat, dass die EZB auch in den USA seit einiger Zeit überraschend häufig gelobt wird - weil sie stur ihre Politik durchzieht.
