Wann hört das endlich auf? Die Antwort auf die bange Frage nach dem Ende der großen Finanzkrise fällt leider ernüchternd, wenn nicht sogar erschreckend aus.
Nachdem die meisten großen europäischen Banken ihre wenig berauschenden Halbjahreszahlen vorgelegt haben, ist die Gefahr groß, dass sich die Lage in den kommenden Monaten noch einmal deutlich verschlechtert, bevor sich dann irgendwann hoffentlich ein Silberstreif am Horizont zeigen wird.
Seit Ausbruch der Kreditkrise haben die europäischen Banken rund 150 Milliarden Euro abschreiben müssen. Diese Zahl hat gleich mehrere erschreckende Aspekte. Zum einen fallen die Verluste der Europäer ähnlich hoch aus wie die der amerikanischen Banken, obwohl das Epizentrum des Finanzbebens in den Vereinigten Staaten liegt. Wenn es noch eines Beweises für die Globalisierung der Finanzwelt bedurft hätte - hier ist er. Zum anderen fielen die Verluste an, obwohl die europäischen Banken im Gegensatz zur US-Konkurrenz noch von robusten konjunkturellen Bedingungen auf ihren Heimatmärkten profitierten.
Doch genau das wird sich ändern. Europa steht vor einer empfindlichen wirtschaftlichen Abkühlung. Und damit rollt auf die Banken nach den Abschreibungen für die hochkomplexen Finanzinstrumente der Subprimekrise eine Welle ganz altmodischer Kreditverluste zu.
Spanien, Großbritannien und Irland rutschen gerade in eine ernste Immobilienkrise, und zumindest auf der britischen Insel stellen sich die hochverschuldeten Verbraucher mittlerweile auf eine Rezession ein.
Doch bedrohliche Blasen am Immobilienmarkt und überschuldete Konsumenten sind lange nicht die einzigen Probleme, die Sorgenfalten auf die Stirn der europäischen Banker treiben. Gefahr droht auch aus dem bislang in den meisten Ländern noch immer robusten Unternehmenssektor. Rechnet man die soliden Bilanzen der deutschen Firmen heraus, dann schieben die europäischen Konzerne einen bedrohlichen Schuldenberg vor sich her. Noch dümpeln die Kreditausfallraten im historischen Vergleich auf niedrigem Niveau vor sich hin. Doch das wird sich mit der Abkühlung der Konjunktur ändern.
Die europäischen Banken haben das Schlimmste also noch nicht hinter sich. Im Gegenteil, aller Wahrscheinlichkeit nach rollt auf die Geldhäuser in den kommenden Monaten eine Welle neuer Probleme zu. Und das wirft eine Reihe kritischer Fragen auf. Die europäischen Finanzaufseher denken sicher schon jetzt mit banger Miene darüber nach, was passiert, wenn neue Kreditausfälle noch einmal tiefe Löcher in die Bücher reißen. Vielleicht sogar so tiefe, dass die Banken noch einmal frisches Kapital brauchen.
Seit Anfang des Jahres sammelten europäische Geldhäuser bereits knapp 90 Milliarden Euro an frischem Geld ein, um ihre maroden Bilanzen zu sanieren. Zuerst waren es die reichen Staatsfonds aus Asien und dem Nahen Osten, die riesige Summen in die angeschlagenen Finanzhäuser pumpten und damit das Weltfinanzsystem vor weiterem Ungemach bewahrten. Aber diese Fonds sitzen nach den Kursverlusten der vergangenen Monate auf enormen Verlusten. Ihre Hilfsbereitschaft dürfte sich also in überschaubaren Grenzen halten.
Die Banken brauchten aber noch mehr Geld, also pumpten sie ihre Aktionäre an und warfen neue Anteilsscheine mit hohen Rabatten auf den Markt. Doch auch diese Methode der Kapitalbeschaffung stößt mittlerweile an ihre Grenzen. Das Scheitern der vier Milliarden Pfund schweren Kapitalerhöhung der größten britischen Hypothekenbank HBOS
beweist, dass die Geduld der Investoren fast erschöpft ist.
Was aber passiert, wenn der Kapitalhunger der Banken noch größer wird? Wer wird nach den Verwerfungen der vergangenen Monate noch bereit sein, gutes Geld schlechtem hinterherzuwerfen? Langsam, aber sicher drängen sich Erinnerungen an die große Bankenkrise in Japan Anfang der 90er-Jahre auf. Damals war es am Ende der Staat, der den angeschlagenen Instituten mit Eigenkapital unter die Arme greifen musste. Bislang gab es in Europa nur wenige Fälle - am dramatischsten war Northern Rock in Großbritannien. Hoffentlich bleibt es dabei.
