Nicht New York, sondern Washington ist in diesen Tagen die Finanzhauptstadt der Welt. Der amerikanische Kongress entscheidet über das Schicksal des globalen Finanzsystems. Wer die dramatischen Anhörungen zum Paulson-Plan auf dem Capitol Hill verfolgt, spürt: Hier ringen die Demokratie und das moderne Finanzsystem miteinander.
Auf der einen Seite kämpft der ungeduldige Wall-Street-Veteran und US-Finanzminister Hank Paulson, der von den Parlamentariern einen Blankoscheck über 700 Milliarden Dollar fordert. Auf der anderen Seite halten Volksvertreter aus Kentucky und Alabama dagegen, die nicht einsehen, warum ihre Wähler die Suppe auslöffeln sollen, die ihnen von der weit entfernten Wall Street eingebrockt wurde.
Dabei zeigt sich, dass die Komplexität und das Tempo der Finanzwelt die demokratischen Prozesse und ihre Repräsentanten überfordern. Anders formuliert: Die Finanzmärkte entziehen sich nicht nur in der Boomzeit, sondern auch in der Krise einer demokratischen Kontrolle.
Der umtriebige Krisenmanager Paulson drückt zu Recht aufs Tempo, weil jede Verzögerung die Finanzwelt einen Schritt näher an den Abgrund bringt. Umgekehrt haben die Kongressabgeordneten die Pflicht, den Plan auf Herz und Nieren zu prüfen, bevor sie die größte Staatsintervention in der amerikanischen Geschichte absegnen. Dass vielen Parlamentariern die Wall Street suspekt ist und sie zum ersten Mal erfahren, dass das Wohlergehen ihrer Wähler von obskuren Finanzprodukten wie Credit Default Swaps abhängt, macht die Sache nicht leichter.
Dennoch ist dieser historische Zweikampf der Systeme wichtig. Nur aus dem Ringen zwischen demokratischen Ansprüchen und den Erfordernissen der modernen Finanzwelt kann sich eine neue Machtbalance in der globalisierten Welt ergeben. Das gemeinsame Ziel aller dabei muss es sein, extreme Lösungen zu vermeiden. So wie seit den 80er-Jahren der Staat die Zügel zu sehr aus der Hand gegeben und so die Exzesse der Finanzmärkte erst ermöglich hat, so besteht jetzt die Gefahr, dass er mit zu viel neuer Regulierung die Errungenschaften der modernen Finanzmärkte aufs Spiel setzt. Ohne Finanzinnovationen und den freien Fluss der Kapitalströme wäre der enorme, weltweite Wohlstandsgewinn der letzten 25 Jahre aber undenkbar gewesen.
In der Pflicht stehen jetzt aber die Vertreter des Finanzsystems. Die Banker sollten sich dabei an Paulson ein Beispiel nehmen. Unermüdlich versucht der US-Finanzminister, einer breiten Öffentlichkeit klarzumachen, wie lebenswichtig das Funktionieren der Kreditmärkte für jeden Winkel der Weltwirtschaft ist. Eine Flucht aus dieser komplexen, verflochtenen Welt gibt es nur zum Preis hoher Wohlstandsverluste.
Umgekehrt sollte die Finanzkrise für die Politik und die breite Öffentlichkeit ein Weckruf sein, sich stärker für die Finanzwelt zu interessieren. Wer jetzt eine stärkere demokratische Kontrolle des Finanzsystems fordert, muss sich zunächst damit befassen, wie es funktioniert. Die Diskussion verlangt also von beiden Seiten Engagement. Das gilt auch für Deutschland, wo das Niveau der öffentlichen Debatte in krassem Gegensatz zum Ernst der Lage steht
