Jetzt wird aufgerüstet. In einer Frage sind sich der amerikanische Finanzminister Hank Paulson und sein britischer Amtskollege Alistair Darling absolut einig. Die Finanzmärkte brauchen mehr Kontrolle, und bei der Sicherung der Stabilität sollen die Notenbanken beider Länder eine zentrale Rolle spielen. Dass es sich dabei nicht um reine Lippenbekenntnisse handelt, darf man den Politikern dieses Mal ruhig glauben. Zu nahe hat die Kreditkrise das Weltfinanzsystem an den Rand des Kollapses gebracht. Jetzt wagen sich Notenbanker und Politiker auch an Themen, die bislang als Tabu galten und von denen man annahm, dass sie der Markt effizient regeln würde.
Der Wunschzettel der Aufseher ist lang: Die Auslagerung von Risiken aus der Bilanz in großem Stil wird es in Zukunft wohl nicht mehr geben. Auch auf die Eigenkapitalausstattung der Geldhäuser wollen die Kontrolleure ein schärferes Auge haben. Egal ob in den USA, Großbritannien oder in der Schweiz, überall haben die Aufseher ziemlich unmissverständlich klargemacht, dass sie in Zukunft sehr genau auf den Verschuldungsgrad der Banken achten und dafür sorgen werden, dass sie keine zu hohen Risiken mehr eingehen.
Außerdem könnte die Geldpolitik einen breiteren Auftrag bekommen. Die Notenbanken könnten künftig nicht nur für stabile Preise verantwortlich sein, sondern sollten auch verhindern, dass sich Spekulationsblasen auf den Wertpapier- und Kreditmärkten bilden. Sogar bei der Bezahlung und den Boni könnten die Kontrolleure mitreden. Hat sich doch während der Finanzkrise gezeigt, dass die am kurzfristigen Erfolg orientierten milliardenschweren Ausschüttungen die Banker dazu verleiten, zu hohe Risiken einzugehen.
Fast sieht es so aus, als sei das angelsächsische Modell des Laissez faire, der liberalen Kontrolle des Finanzsektors, gescheitert. Die Kreditkrise hat das Image der Banker derart ramponiert, dass nach zwei Jahrzehnten der Deregulierung die Zügel jetzt angezogen werden. In der Summe würden die Vorschläge, vor allem jene zur Kapitalausstattung, die Gewinnmöglichkeiten der Geldhäuser empfindlich einschränken.
Kein Wunder, dass führende Banker rund um den Globus durch lautstarkes Lobbying und diskrete Hinterzimmer-Diplomatie versuchen, den Drang der Regulierer zu stoppen, und stattdessen auf Selbstverpflichtungen setzen. Tatsächlich müssen sich Aufseher und Politiker zwei Fragen gefallen lassen: Sind solche tiefen Eingriffe in den Markt gerechtfertigt? Und wenn ja, sind die Kontrolleure in der Lage, diese auch effizient umzusetzen?
Bei der Beantwortung der ersten Frage haben die Aufseher zumindest ein gutes Argument auf ihrer Seite. Nach der Konzentrationswelle der vergangenen Jahre wird das Weltfinanzsystem von zwei bis drei Dutzend Groß- und Investmentbanken dominiert, die mehr oder weniger alle ein ähnliches Geschäftsmodell verfolgen. Diese Institute haben die kritische Größe, um das gesamte System ins Wanken zu bringen, und sie sind durch ein engmaschiges Netzwerk verknüpft. Stürzt ein Geldhaus, droht ein Dominoeffekt. Diese Banken sind "too big to fail". Das heißt: Im Notfall müssen Zentralbanker und Politiker den bedrohten Instituten zu Hilfe eilen, wollen sie eine Katastrophe verhindern.
Das hat spätestens die spektakuläre Rettung der US-Bank Bear Stearns
bewiesen. Die Banker wissen, dass sie sich im Notfall auf den Staat verlassen können, und dieses Wissen hat sie während des Booms dazu verleitet, riskantere Wetten einzugehen, als es der Gesamtwirtschaft guttut. Der Markt hat in diesem Punkt versagt. Wer wie die Banken auf staatliche Hilfe angewiesen ist, der kann sich schlecht gegen mehr Regulierung wehren.
Sehr viel schwieriger ist die Frage zu beantworten, ob die Regulierer es besser machen können als der unvollkommene Markt. US-Finanzminister Paulson verspricht zwar fundamentale Reformen, doch noch gleicht die amerikanische Banken- und Börsenaufsicht einem Flickenteppich. Sein britischer Amtskollege Darling hat gerade die tiefgreifendste Reform seit zehn Jahren verkündet, aber noch immer teilen sich Finanzministerium, Finanzaufsicht und Notenbank die Verantwortlichkeit für die Systemstabilität.
Wenn schon im Inland die effiziente Überwachung an zu viel Komplexität zu scheitern droht, wie soll dann erst die internationale Kontrolle in einer globalisierten Finanzwelt effizient und reibungslos funktionieren?
Es besteht die große Gefahr, dass die Regulierer über ihr Ziel hinausschießen und nicht nur die Risiken, sondern auch die Innovationskraft der Banken bremsen. Am Ende könnte gerade dadurch die künftige Versorgung von Unternehmen und Konsumenten mit Geld und Kredit leiden. Zu viel Regulierung setzt künftigen Wohlstand aufs Spiel.
