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25.07.2008 
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Wir müssen unsere Marktfixierung korrigieren

von Siegfried Jaschinski und Präsident des Bundesverbandes Öffentlicher Banken

Die vergangenen Monate waren für die Banken alles andere als angenehm. Wir waren und sind Epizentrum eines Bebens, dessen Stärke wir uns nicht hätten vorstellen können.

Noch ist diese Finanzmarktkrise nicht ausgestanden. Das Schlimmste sollten wir freilich hinter uns haben.Märkte neigen regelmäßig zu Übertreibungen. Und übertriebene Ausschläge werden als solche zumindest vom Gros der Marktteilnehmer immer erst dann erkannt, wenn es zu spät ist. Diese kollektive Fehleinschätzung entbindet uns nicht von der Verpflichtung, auch aus der jüngsten Finanzmarktkrise Lehren zu ziehen.

Nur mit Selbstkritik, nur mit der Fähigkeit zur Reflexion, gewinnen wir Banken Vertrauen und Glaubwürdigkeit zurück. Von beidem haben wir viel verloren. Die Finanzmärkte flößen den Menschen Angst ein, werden von vielen als unberechenbar und unbeherrschbar wahrgenommen. Das gefährdet auch die gesellschaftliche Akzeptanz der Banken.

Vertrauen geht schnell verloren. Es zurückzugewinnen ist ein langwieriger Prozess. Wir sollten es jedoch nicht allein der Politik und den Aufsichtsbehörden überlassen, die Finanzmärkte und ihre Institutionen wieder vertrauenswürdiger zu machen. Die Politik neigt mitunter dazu, über das Ziel hinauszuschießen. So wurde in Amerika nach dem Platzen der Aktienmarktblase im Jahr 2002 mit dem Sarbanes-Oxley-Act im Eiltempo ein Mammutgesetz auf den Weg gebracht, das zwar das Vertrauen in die Rechnungslegung der Unternehmen wieder stärkte, sich aber als ein kostspieliges bürokratisches Unterfangen erwies.

Regulierung kann eine vertrauensbildende Maßnahme sein. Sie ist jedoch kein Allheilmittel, da sie von Innovationen der Marktteilnehmer konterkariert wird. Kaum haben sich die Regulatoren eines Marktes angenommen, erwächst anderswo ein neuer unregulierter Markt.

Das bedeutet nicht, dass ich jetzt allein der freiwilligen Selbstkontrolle der Märkte und ihrer Teilnehmer das Wort reden will. Es gibt zahlreiche Fehlentwicklungen, bei denen jetzt auch Politik und Aufsichtsbehörden gefordert sind. Ein Beispiel ist der bisher von Briten und Amerikanern dominierte Markt für Bonitätsprüfungen (Ratings). Ich kann Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihren Überlegungen, ein europäisches Gegengewicht zur Dominanz der amerikanischen Ratingagenturen schaffen zu wollen, nur unterstützen. Wir Banken sollten uns zwar davor hüten, den Schwarzen Peter für die Finanzmarktkrise allein den Ratingagenturen zuzuschieben. Dass sie ihrer Funktion als unabhängige Türsteher der globalen Finanzmärkte nicht immer gerecht werden, steht aber außer Frage. Ohne die Gütesiegel der Ratingagenturen wären die strukturierten Produkte mit Subprime-Beimischung an den Finanzmärkten nicht weltweit zu einem Bestseller geworden.

Dass an den Finanzmärkten aus Bestsellern plötzlich Ladenhüter wurden, hat aber noch andere Ursachen. Selbst werthaltige strukturierte Produkte waren in den vergangenen Monaten zeitweise unverkäuflich, weil die Skepsis der potenziellen Investoren ungeahnte Ausmaße annahm und diese daher keine Liquidität mehr bereitstellten. Durch diese fehlende Liquidität war die Preisbildung an diesen Märkten außer Kraft gesetzt. Das zeigt, dass wir uns in der Zukunft verstärkt Gedanken über die Marktgängigkeit von einzelnen Produkten machen müssen. Wir Banken waren, um es auf den Punkt zu bringen, in der jüngeren Vergangenheit zu marktgläubig. Fast alle Produkte, die wir in den zurückliegenden Jahrzehnten schufen, wurden handelbar gemacht und damit Marktpreisen unterworfen. Selbst in weniger liquiden Marktsegmenten, wie eben jenen für verbriefte Kredite, gewannen Marktbewertungen die Oberhand. Somit war es nur eine logische Konsequenz, auch das Bankrechnungswesen auf Marktpreise umzustellen, also vom HGB auf IFRS überzugehen.

IFRS ist die Sprache der Kapitalmärkte. Insofern wäre es jetzt auch falsch, wollte man aus der Not heraus diese Sprache in Teilen außer Kraft setzen und die Fair-Value-Bilanzierung rückwirkend oder temporär aussetzen, wie es mancherorts gefordert wurde. Keine Frage, die Fair-Value-Bewertung hat sich während dieser Krise als eine Art Brandbeschleuniger erwiesen. Würden wir sie jetzt aber über Nacht abschaffen, wäre dies alles andere als eine vertrauensbildende Maßnahme.

Was handelbar ist, soll auch einer Marktbewertung unterzogen werden. Aber es ist eben nicht alles handelbar, was wir handeln. Das gilt gerade auch für die strukturierten Produkte. Sie sind oft in so kleinen Tranchen begeben und bei so wenigen Investoren platziert worden, dass es im Nachhinein fast schon aberwitzig erscheint, sie der Preisbildung der Kapitalmärkte unterworfen zu haben. Mit polypolistischen Märkten hatte dies nichts mehr zu tun. Wir Banker müssen unsere Marktfixierung korrigieren und wieder eine scharfe Trennlinie zwischen Krediten und marktgängigen Wertpapieren ziehen. Bei Zweifeln an der Funktionsfähigkeit eines Marktes sollten Kreditprodukte nach dem Ausfallrisiko und nicht wie handelbare Wertpapiere nach Marktpreisen bewertet werden, selbst wenn sie in den Mantel eines Wertpapiers gekleidet sind.

Wir sollten also bestimmte Bilanzpositionen nicht der unberechenbaren Volatilität illiquider Märkte überlassen. Banken sind Kreditinstitute. Die Bewertung von Kreditrisiken ist unsere Kernkompetenz. Auf diese Kernkompetenz sollten wir uns wieder besinnen, statt sie auf Kapitalmärkte und an Ratingagenturen auslagern zu wollen. Wenn wir dies tun, können wir der nächsten Finanzmarktkrise gelassener entgegengehen. Denn kommen wird sie auf jeden Fall.

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