14.000 Dollar pro Quadratmeter
Wohnen im superteuren Schuhkarton

San Francisco kämpft mit der Wohnungsnot. Die Mieten explodieren und Investoren machen gute Geschäfte. Der Renner sind superteure Luxuswohnungen für die, die es sich leisten können – und Micro-Appartements für den Rest.
  • 1

San FranciscoDas Bett wird am Morgen zum Esstisch, und wird kein Essen gekocht, übernimmt die Arbeitsplatte der Küchenzeile die Aufgabe des Computertisches. Die Toilette steht praktisch schon in der Badewanne. Doch das ist kein holländischer Wohnwagen, sondern ein winziges Modell-Appartement mit insgesamt 20 Quadratmetern Grundfläche in einem alten Lagerhaus in Berkeley nahe San Francisco. Es ist bis ins Kleinste durchdacht, jeder Zentimeter hat eine Doppelnutzung.

Das ist die Lösung, versprach Immobilienentwickler Patrick Kennedy in 2011. Einziges Problem damals für seine Panoramic Investments: Wohnungen in der Größe einer besseren Garage waren in San Francisco schlicht illegal. Doch das Warten hat sich gelohnt, die Zeit spielte ihm in die Hände. Im November 2012 erlaubte der Stadtrat unter dem Druck dramatisch steigender Mieten 20 Quadratmeter doch als neue Mindestgröße. Bis zu zwei Personen pro Wohnung sind erlaubt. Die ersten Schuhkarton-Wohnungen, die selbst für Tokioter Verhältnisse klein sind, sind fertig. Billig sind sie trotzdem nicht.

Für Kayla Smith ist es schlicht „der Preis, den man zahlen muss, um in San Francisco zu wohnen.“ Ihr Appartement mit 26 Quadratmetern in einem Neubau in San Franciscos Problemstadtteil Tenderloin kostet 1.850 Dollar im Monat. Um sich mit den neuen Verhältnissen zurechtzufinden habe sie ihre Besitztümer drastisch auf ein Minimum heruntergeschraubt. Sogar ihren PC hat sie gegen einen platzsparenden Laptop eingetauscht.

Das spartanische Leben im Schuhkarton erscheint in keiner Weise erstrebenswert. Aber Scott Wiener, Supervisor von San Francisco, sieht derzeit keinen anderen Weg, der Wohnungsnot Herr zu werden. 375 Micro-Appartements hat die Stadt in einer ersten Testphase erlaubt. Dann will sie  die Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt untersuchen.

Der befindet sich im Ausnahmezustand: Als Priceeconomics.com Mitte 2013 seine erste Studie über die Mietsituation in San Francisco veröffentliche, sorgten die Ergebnisse für Aufsehen. Der Preismedian für ein einfaches Studio, Küche, Wohn- und Schlafzimmer in einem Raum, erreichte stolze 1.950 Dollar.

Eine Vierzimmer-Wohnung („Three bedroom“) schlug im Median mit 4.500 Dollar zu Buche. Doch wer glaubte, damit sei das Ende der Fahnenstange nach Jahren der steilen Mietanhebungen erreicht, wurde im August 2014 eines Besseren belehrt: Das Studio liegt in der aktuellen Marktübersicht bei 3.200 Dollar und die Vierzimmer-Wohnung im Median bei 4.750 Dollar.

Es gibt Studien, die das Problem relativieren. So argumentieren sie mit geringeren Kosten, um zur Arbeit zu kommen. Pendler geben oft hunderte Dollar dafür im Monat aus. Rechnet man diese Kosten zu den Mieten dazu, erscheinen New Yorker- und San Francisco-Mieten plötzlich wieder im normalen Mittelfeld. Aber das gilt nur für Menschen wie Kayle Smith, die eben mehr oder weniger freiwillig ihre Besitztümer auf „das Mindestmaß“ reduzieren, also auch gar kein Auto haben.

Kommentare zu " 14.000 Dollar pro Quadratmeter: Wohnen im superteuren Schuhkarton"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Kranke Welt, eine sehr kranke Welt !

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%