Analystenmeinung
Schöne Ratings bringen wenig Nutzen

Mit ihrer Verkaufsempfehlung für die offenen Immobilienfonds der Kanam hatte die Ratingagentur Scope im Januar bei beiden Produkten so hohe Mittelabflüsse ausgelöst, dass die Fonds Tage später geschlossen werden mussten. Seither weiß man, dass Analystenmeinungen nur begrenzt helfen.

HB DÜSSELDORF. Der Vorgang war einmalig in der Geschichte des deutschen Finanzmarkts: Mit ihrer Verkaufsempfehlung für die offenen Immobilienfonds der Kanam hatte die Ratingagentur Scope im Januar bei beiden Produkten so hohe Mittelabflüsse ausgelöst, dass die Fonds Tage später geschlossen werden mussten. Seither ist die Diskussion darüber entbrannt, welchen Einfluss Ratingagenturen haben - und wie verantwortlich sie mit ihm umgehen.

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) prüft, ob Scope gegen das Wertpapierhandelsgesetz verstoßen hat. "Das Gesetz verlangt, das Analysen mit Sorgfalt und Sachkenntnis er-stellt werden", sagt eine BaFin-Sprecherin. Ob Scope diesen Grundsätzen gefolgt sei, werde das Verfahren zeigen. Bei einem Verstoß drohe der Ratingagentur ein Bußgeld von bis zu 200 000 Euro.

Scope bewertet als einzige Ratingagentur alle offenen Fonds. Sie erhebt dabei keine Gebühren von den Anbietern, sondern finanziert sich über Lizenzgebühren. Im Gegenzug erhalten die Lizenznehmer - Fondsgesellschaften, Vermögensberater von Banken und Finanzdienstleistern - detaillierten Einblick in die Ratings.

Kanam allerdings weigerte sich nicht nur, eine Lizenz von Scope zu beziehen - der Anbieter lieferte auch keine Daten. Damit, argumentiert Kanam, sei Scope gar nicht in der Lage gewesen, die Fonds zu beurteilen. Hingegen lieferte die Deutsche Bank Real Estate sämtliche Daten ihres Grundbesitz-Invest. Scope-Analystin Alexandra Merz empfahl auf Basis dieser Informationen den Fonds zum Kauf - und musste mit ansehen, wie die Deutsche Bank im Dezember 2005 erst umfangreiche Wertberichtigungen ankündigte und dann das Produkt wegen der einsetzenden Mittelabflüsse schloss - und erst Anfang dieses Monats wieder öffnete.

Andere Agenturen bewerten nur einzelne Fonds - im Auftrag und gegen Bezahlung durch die jeweiligen Gesellschaften. Ob Anlegern damit gedient ist, bezweifeln Experten wie Stefan Loipfinger, Herausgeber des Branchendienstes Fondstelegramm. "Gefällt einer Gesellschaft ein solches Auftragsrating nicht, kann sie es einfach in der Schublade verschwinden lassen." Anlegern würden somit nur positive Ratings präsentiert.

Vor einigen Jahren hatte die Branche die Ratingagentur Moody's angeheuert und sämtliche Fonds von dieser bewerten lassen. Doch die Urteile stießen auf reichlich Kritik. Loipfinger: "Es gab nur gute Noten - für alle Fonds."

Fazit: Anleger, so scheint es, bieten Ratings bei der Auswahl eines offenen Immobilienfonds nur wenig Orientierungshilfe. ric

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%