Angst vor Crash
Immobilienmarkt entzweit die Experten

Der Boom an einigen nationalen Immobilienmärkten in Europa bereitet führenden Volkswirten Kopfzerbrechen. Sie befürchten die Gefahr eines Crashs und fordern, dass die Europäische Zentralbank (EZB) mit Zinserhöhungen früh genug gegensteuert. Diese Argumentation war auf der jüngsten Sitzung des EZB-Schattenrats allerdings heftig umstritten.

noh FRANKFURT. Daniel Gros vom Center for European Policy Studies begründete sein Eintreten für eine umgehende Zinserhöhung damit, dass sich gefährliche Ungleichgewichte an europäischen Immobilienmärkten aufbauten. Nach Gros’ Einschätzung sind die durchschnittlichen Immoblienpreissteigerungen der letzten Jahre im Euro-Raum inzwischen schon mit der Entwicklung in Japan in den 1980er-Jahren vergleichbar. Der nachfolgende Crash der Immobilienpreise habe dort später der japanischen Volkswirtschaft viele Jahre lang größte Probleme bereitet. Auch die anderen „Zinsfalken“ argumentierten weniger mit akuten Inflationsgefahren als mit Verzerrungen an Vermögensmärkten, die sie zusammen mit dem seit langem starken Geldmengen- und Kreditwachstum als Indiz für eine übermäßig lockere Geldpolitik nehmen.

José Luis Escrivá, Chefvolkswirt der spanischen BBVA hielt dagegen, wenn man Gefahren für die Finanzstabilität beurteilen wolle, dürfe man nicht auf das Geldmengen- oder Kreditwachstum schauen, sondern auf den Verschuldungsgrad.

Die Verschuldung von Haushalten und Unternehmen sei jedoch im Euro-Raum keinesfalls besorgniserregend und deutlich geringer als etwa in Großbritannien. Für John Llewellyn, Chefvolkswirt von Lehman Brothers rechtfertigt eine diffuse Sorge vor Preisblasen an Vermögensmärkten nicht, den Immobilienmarkt als eine der wenigen Stützen für die schwache heimische Nachfrage abzuwürgen. Außerdem schwäche sich die Dynamik bereits seit geraumer Zeit merklich ab. „Kleine Zinsänderungen ändern an einem Immobilienboom ohnehin nichts“, ergänzte der Genfer Ökonomieprofessor Charles Wyplosz. „Würde man die Geldpolitik auf das Ziel ausrichten, die Immobilienhausse zu stoppen, müsse man die Zinsen so stark anziehen, dass die Gesamtwirtschaft unweigerlich Schaden nehmen würde.“

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%