Architektur
Schöner wohnen im Bunker

Wer genau hinsieht, findet sie in vielen deutschen Stadt: die wuchtigen Luftschutzbunker aus der NS-Zeit. Lange Zeit galt sie als hässliche die Zeugen des Weltkriegs. Jetzt erfreuen sich Bunker bei Architekten, Städteplanern und Bewohnern wachsender Beliebtheit.

STUTTGART. Anders als viele historisch bedeutende Bauwerke blieben die Bunker von den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs verschont - und wurden zur ungeliebten, aber nahezu unverwüstlichen Altlast: zu hässlich, um sie einfach zu ignorieren; zu zentral gelegen, um sie vermodern zu lassen; zu massiv, um sie zu sprengen.

Seit einiger Zeit aber erfreuen sich Bunker bei Architekten, Städteplanern und Bewohnern wachsender Beliebtheit. In Wien beherbergt ein alter Fliegerabwehr-Turm inzwischen das Aquarium "Haus des Meeres"; in Ludwigsburg diente ein Bunker jahrzehntelang als Wasserturm. Die Düsseldorfer Bunkerkirche Sankt Sakrament bezeichnet sich selbst als "stabilste Kirche der Welt". Und aus dem Hochbunker im Essener Grünbruch wurden schicke Wohnungen mit geraden Linien und Balkon-Anbauten.

Bewohner schwärmen von der guten Schallisolierung und minimalen Heizkosten. "Dass Bunker von innen klamm und miefig sind, ist ein weit verbreitetes Klischee", sagt Werner Rittmann, Unternehmer aus Essen und ein erklärter Bunker-Enthusiast. "Das Gegenteil ist der Fall: Die dicken Wände erzeugen ein sehr gutes Klima und einen ganz geringen Heizbedarf. Wenn so einen Betonklotz erst einmal aufgeheizt ist, dauert es Monate, bis der wieder ausgekühlt ist." Rittmann muss es wissen. Seit er sich vor vielen Jahren für die Beton-Ungetüme zu begeistern begann, hat er zwölf Bunker von Grund auf renoviert. Und noch immer bekommt er beim Betreten der alten Gebäude eine Gänsehaut. "Teilweise sind die Türen seit mehr als 60 Jahren nicht mehr geöffnet worden. Dann finden Sie manchmal in den Lüftungsschächten kleine Habseligkeiten, die jemand während der Bombenangriffe da versteckt hat."

Eine ausgesprochen bewegte Geschichte hat auch der Kunstbunker des Wuppertaler Sammlers Christian Boros hinter sich. Während des Krieges fanden in dem ehemaligen Bunker der Reichsbahn nahe des Berliner Bahnhofs Friedrichstraße einige Tausend Menschen Zuflucht; in den 60er- und 70er-Jahren nutzte die DDR-Führung die Betonwüste als wohltemperierten Lagerschuppen für Obst und Südfrüchte. Boros, Inhaber einer Werbeagentur, sägte ihn sich schließlich für seine umfangreiche zeitgenössische Kunstsammlung zurecht. Aus 160 Zimmern wurden 80, mit teilweise spektakulären Grundrissen: Mauerdurchbrüche, ungewöhnliche Sichtachsen und bis zu dreizehn Meter hohe Räume. Als krönenden Schlusspunkt ließ sich der Sammler ein Einfamilienhaus im Stil des Architekten Mies van der Rohe aufs Dach setzen.

Andere Wohnhäuser nutzen den Bunker als Unterbau, ein erhöhtes Grundstück. Schließlich wurden die meisten Schutzräume in zentraler, hochwertiger Innenstadtlage gebaut. In Hamm etwa baute sich ein Lehrerehepaar ein Penthouse in 14 Metern Höhe und ließ den Bunker selbst fast unverändert und ungenutzt. Für den verantwortlichen Architekten Mick Amort die eleganteste Lösung: "Diese Hochbunker hatten schließlich einen bestimmten Zweck und sehen genau deshalb so ruppig aus. Darum sollte man sie jetzt nicht zwanghaft aufhübschen und vielleicht noch in mediterranen Farben streichen, sondern lieber das Spannungsmoment nutzen und auf den kruden Untergrund einen eleganten Aufsatz positionieren."

Ironischerweise kommt die Renaissance ausgerechnet zu einer Zeit, in der die Abrisse zum ersten Mal erschwinglich werden. Dank stärkerer Bagger und Räumfahrzeugen lassen sich die gigantischen Betonmauern jetzt mit so genannten Pulverisierern in handliche Stücke zerkneifen und abtransportieren.

So schwindet die Zahl der verfügbaren Bunker plötzlich rapide, die Preise steigen gleichzeitig an. Vor 20 Jahren waren einige Objekte noch für 20 000 Mark zu haben, heute zahlen Enthusiasten auch schon mal das Zwanzigfache. Dennoch lassen sich noch Schnäppchen finden, sagt Mick Amort: "Bunker zu kaufen ist immer noch günstiger als die billigsten Grundstücke in vergleichbarer Lage."

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