Baugenehmigungen Das große Spekulieren beim Wohnungsbau

Die Baugenehmigungen gehen erneut zurück, die Wohnungsnot wird größer. Lobbyisten aus der Immobilienwirtschaft fordern mehr Bauland und schnellere Verfahren. Doch dies wird das Problem kaum lösen. Eine Analyse.
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So manches Unternehmen lässt sich Wohnungen auf Vorrat genehmigen – in der Hoffnung auf steigende Preise. Quelle: dpa
Wohnungsbau in Berlin

So manches Unternehmen lässt sich Wohnungen auf Vorrat genehmigen – in der Hoffnung auf steigende Preise.

(Foto: dpa)

DüsseldorfDeutschland baut seit Jahren zu wenig Wohnungen. Ein Trend, der sich verschärfen dürfte, wie die am Donnerstag veröffentlichten Daten zu den Baugenehmigungszahlen: Wie das Statistische Bundesamt meldet, wurde zwischen Januar und November der Bau von 313.700 Wohnungen bewilligt. Das sind fast acht Prozent weniger als im selben Zeitraum des Vorjahres.

Doch diese Gesamtzahl sagt nicht viel. Es kommt auf Details an. Denn die Summe enthält beispielsweise Genehmigungen von Wohnheimen, die vornehmlich für Flüchtlinge errichtet werden. Die Zahl der genehmigten Heime ist um rund 43 Prozent gesunken, denn vielerorts stehen schon jetzt Flüchtlingsheime leer oder sind nicht vollständig belegt. Weitere Heime zu bauen, dürfte allenfalls an ausgewählten Standorten sinnvoll sein. Denn am Ende der aktuellen Koalitionsverhandlungen wird auf jeden Fall eine Begrenzung des Flüchtlingszustroms nach Deutschland stehen.

Rechnet man den Wohnheimeffekt heraus, beträgt das Minus immer noch 2,1 Prozent. Überdies wurden in den ersten elf Monaten des Jahres 2017 erstmals seit langer Zeit weniger Mehrfamilienhäuser genehmigt als im Vorjahr. Das Minus ist mit 0,4 Prozent nicht dramatisch hoch, und man kann noch hoffen, dass es sich um einen statistischen Ausreißer handelt. Tatsächlich geht es nur um 568 Wohnungen, die gegenüber der elfmonatigen Vorjahresperiode fehlen.

Bei den Lobbyisten aus der Immobilienwirtschaft setzte nach Bekanntwerden der Baugenehmigungsstatistik sofort der typische Reflex ein – Kritik an Politikern auf allen Ebenen und Mahnungen, mehr für den Wohnungsbau zu tun. „Das in den Sondierungspapieren angekündigte Ziel von 1,5 Millionen neuen Wohnungen in den nächsten vier Jahren wirkt vor diesem Hintergrund utopisch“, stellt Andreas Mattner, Präsident des ZIA Zentraler Immobilien Ausschuss, nüchtern fest. Der ZIA, Sprachrohr der Immobilienwirtschaft, forderte zum wiederholten Mal die Kommunen auf, mehr Bauland bereitzustellen und Baugenehmigungen rascher zu erteilen. „Wir benötigen schnellere Grundstücksvergaben, Baugenehmigungsverfahren und neue Anreize für den Wohnungs- und Nichtwohnungsbau“, sagt Mattner.

Ein genauer Blick auf die Statistik zeigt allerdings, dass dies die Wohnungsnot nicht unbedingt lösen dürfte. Denn wirklich bedenklich ist, dass seit mehreren Jahren nicht nur weniger Neubauten genehmigt werden als Deutschland braucht. Sondern dass viel weniger gebaut wird, als die Behörden zuvor genehmigt hatten. Auch deshalb geht die Schere zwischen Bedarf und Angebot immer weiter auf, was die Wohnungsnot verschärft.

In Zahlen: Deutschland muss jährlich eigentlich 400.000 neue Wohnungen bauen. In den ersten elf Monaten des Jahres 2017 wurden 286.178 genehmigt. Davon sind gerade einmal 155.549 Eigentums- oder Mietwohnungen in typischen Mehrfamilienhäusern. Und einziehen kann man in diese Wohnungen noch lange nicht – wenn überhaupt. Denn bereits im November vergangenen Jahres stellte die Förderbank KfW fest: „Es werden genügt Wohnungen genehmigt – sie müssen nur gebaut werden.“ Die Bank, über die sich große wie kleine Bauherren Fördergelder für Neubauten, Umbauten und Klimaschutzmaßnahmen holen, ermittelte, dass 2016 zwischen 80.000 und 100.000 weniger Wohnungen gebaut wurden, als nötig gewesen wären und fügt hinzu: „In den vergangenen Jahren wurden 600.000 Wohnungen mehr genehmigt als fertig gestellt.“

Baugenehmigungen „auf Vorrat“

Große Engpässe bei den Fertigstellungen von Wohnungen gebe es unter anderem in Berlin, Frankfurt, Hamburg und München. Die Bank stellt klar, dass es nicht allein der Fachkräftemangel ist, der zu Bauverzögerungen führt, sondern dass Baulandspekulanten mitverantwortlich sind für die vom ZIA beklagten knappen bebaubaren Grundstücke. In ihrer Analyse schreibt die KfW: „Zumindest in einigen Metropolen lassen sich Baulandeigentümer Baugenehmigungen auf Vorrat erteilen, weil sie auf steigende Erstbezugsmieten und Verkaufspreise spekulieren.“

Während diese Grundstücke brachliegen, steigen die Baukosten weiter. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes waren die Baupreise für Wohngebäude im November 2017 um 3,4 Prozent höher als im gleichen Vorjahresmonat. Es war der höchste Anstieg in einer Zwölfmonatsperiode seit zehn Jahren.

Und eine Umfrage des Beratungsunternehmen Drees & Sommer unter 100 Hochbauexperten ergab, dass die Baukosten weiter steigen werden. Die Preise im Hochbau liegen derzeit um sieben Prozent höher als von den Auftraggebern geplant, erfuhren die Stuttgarter bei dieser Gelegenheit. Bauträger erhielten auf Ausschreibungen immer weniger Angebote. Das deutet auf weitere Preisschübe für Bauleistungen hin. Die Baubranche arbeitet an der Kapazitätsgrenze. Unter diesen Umständen dürfte es für sie ein Leichtes sein, höhere Preise durchzusetzen.

Wohnungskäufer und -mieter müssen also nicht nur wegen der Knappheit, sondern auch wegen der gestiegenen Baupreise auf jeden Fall mit höheren Wohnkosten rechnen.

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1 Kommentar zu "Baugenehmigungen: Das große Spekulieren beim Wohnungsbau"

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  • BAUGENEHMIGUNGEN
    Das große Spekulieren beim Wohnungsbau
    Die Baugenehmigungen gehen erneut zurück, die Wohnungsnot wird größer. Lobbyisten aus der Immobilienwirtschaft fordern mehr Bauland und schnellere Verfahren. Doch dies wird das Problem kaum lösen. Eine Analyse.

    ...................

    Die gleiche Problematiken hört man aus viele Gemeinden auch.

    Entweder keine eigene Gründstücke oder dann kein geld da !

    WÜRDE MAN sie GANZE HAUPTPARTEIEN DEUTSCHLANDS eine erneute und noch deutlichere Wahllektion erteilen, mal sehen wie schnell selbst der Sozialer Wohnungsbau plötzlich Geld genug und Grundstücke genug zum bauen bekämen !

    SOZIAL WOHNBAU hat Priorität bevor Spekulanten sich bedienen dürfen !

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