Berlin-Tempelhof
Nur kein Wohlstandsghetto

Auf dem Berliner Traditionsflughafen Tempelhof sollen Tausende neuer Wohnungen entstehen. Doch die gehobene Preisklasse ist nicht im Visier des Senats. Film- und Medienunternehmen sind angesprochen; "innovative Wohnformen" sollen zudem entstehen. Doch Kritiker haben an dem Projekt einiges auszusetzen.

HB BERLIN. Jeder Streit hat zwei Seiten: den Inhalts- und den Beziehungsaspekt. Wenn die Beziehung nicht stimmt, kann jedes Thema im Streit enden, ganz gleich, worum es inhaltlich ging. So ist das derzeit in Berlin. Nach Wünschen des rot-roten Senats soll der Betrieb des innerstädtischen Flughafens Tempelhof am 1. November dieses Jahres komplett eingestellt werden. Flugfeld, Flughafengebäude und Hangars werden dadurch frei und können neu genutzt werden. Mit 300 000 Quadratmetern (qm) Gebäude- und 386 Hektar Freiflächen verfügt Berlin dann mit einem Schlag über eine der größten innerstädtischen Entwicklungsflächen in Europa. Nach Wünschen von Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) soll hier ein Zukunftsstandort für Wohnen und Arbeiten entstehen.

Zugpferd soll das weltberühmte Flughafengebäude sein, das prominente Nutzer – etwa aus der Film- und Medienwirtschaft – anlocken könnte. Das Flugfeld selbst muss aus stadtklimatischen Gründen frei bleiben. Es soll durch verschiedene Quartiere eingerahmt werden. 5 000 bis 6 000 Wohnungen könnten hier entstehen. „Wer nach Westen wohnt, sieht dann über dem Flugfeld die Sonne untergehen“, schwärmt die Senatorin, die hier innovative Wohnformen wie Baugruppen, neue Genossenschaftsmodelle sowie Mehrgenerationen-Häuser fördern will. Dazu plant sie, die Grundstücke zu Festpreisen zu verkaufen. „Nicht der Meistbietende soll zum Zuge kommen, sondern der mit dem besten Konzept,“ erklärt Junge-Reyer gegenüber dem Handelsblatt.

Obwohl sie und der Senat die Schließung rechtlich längst in trockenen Tüchern sehen, findet am 27. April ein Volksentscheid zum Weiterbetrieb des Flughafens statt. Schon das ist verwunderlich und wäre in anderen deutschen Städten nur schwer vorstellbar. Lieben die Airport-Anrainer in Kreuzberg, Tempelhof und Neukölln Fluglärm und Kerosingeruch so sehr, dass sie beides unbedingt weiter ertragen wollen? „Das ist eine rein politische Auseinandersetzung“, versucht die Sprecherin der Senatsverwaltung, Manuela Damianakis, die Wogen zu glätten.

CDU und FDP kritisieren vor allem, dass die Pläne von Junge-Reyer nicht neu sind und es bislang keine Investoren gibt. „Das Konzept überzeugt nicht und ist aus der Not heraus geboren“, sagt der Berliner CDU-Generalsekretär Frank Henkel. Der Senat wisse einfach nicht, wie er das riesige Gelände und die Immobilie sinnvoll nutzen könne. Dabei verweist der Politiker auf die Offerte des US-Milliardärs Ronald S. Lauder. Der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Unternehmer und Kosmetikkonzernerbe bot dem Senat bereits 2006 an, auf dem Tempelhofer Gelände einen Klinik- und Kongressstandort mit Flugbetrieb zu errichten. Anfang dieser Woche reiste er erneut in die deutsche Hauptstadt und bekräftigte am Konferenztisch der Industrie- und Handelskammer (IHK) seinen Wunsch, 350 Mill. Euro in Tempelhof zu investieren. Gegenüber lokalen Medien sagte Lauder, er sei enttäuscht darüber, dass Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) den Flughafen schließen wolle. Es gebe dafür „keinen vernünftigen Grund“.

Im Streit ums Citydrehkreuz geht jedoch völlig unter, wer außer Filmschaffenden das riesige Areal mit Leben füllen soll. Wer aus Friedrichshain-Kreuzberg (Arbeitslosenquote 18,6 Prozent) oder Neukölln (Arbeitslosenquote 18,7 Prozent) wird sich am Ende eine Wohnung mit Flugfeldpanorama leisten können? Laut einer aktuellen Marktanalyse des Berliner Wohnungsunternehmens GSW und des Immobilienberaters Jones Lang Lasalle (JLL) liegen die Monatsmieten in Friedrichshain-Kreuzberg zwischen 5,90 und 6,20 Euro je Quadratmeter, in Neukölln zwischen 5,10 und 5,30 Euro. Die Kaufpreise pendeln zwischen 800 und 2 600 Euro je Quadratmeter in Friedrichshain-Kreuzberg. In Neukölln werden nicht mehr als 1 200 bis 1 400 Euro pro Quadratmeter gezahlt. Welcher Entwickler baut für Dumpingpreise neu?

Nach Recherchen des Analysehauses Feri Rating & Research AG kann die Stadt Wohnungen im Billigpreissegment ohnehin nicht gebrauchen. Sie hat davon jetzt schon genug. „Während bei der Nachfrage nach Wohnungen im gehobenen Preissegment Engpässe entstehen, stellt das zu hohe Angebot an einfachen und mittleren Wohnungen eine enorme Belastung des Berliner Wohnimmobilienmarktes dar“, sagt Wolfgang Kubatzki, Leiter Real Estate bei Feri. Doch gehobenes Wohnen will die Senatorin in Tempelhof nicht haben. „Wir werden den Entwicklern keine Preisvorschriften bei den Mieten oder Kaufpreisen machen. Aber ein Wohlstandsghetto wird es hier nicht geben“, sagt die Politikerin.

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