Boom statt Krise
Hoher Einsatz im Wüstensand

Während überall in den USA die Zahl der Zwangsversteigerungen dramatisch steigt, wachsen auf der „Strip“ genannten Kasinomeile in Las Vegas die Baukräne weiter in den Himmel. Hier, wo die Glitzerfassaden am höchsten und die Euphorie am größten ist, will keiner wissen, was im Rest der Welt passiert – nicht einmal, was im Rest der Stadt passiert.

LAS VEGAS. Für Millionen Amerikaner war das erste September-Wochenende ein erholsames Labor-Day-Wochenende. Aber für die über 500 Mieter der Appartementanlage Desert Club in Las Vegas war es ein vernichtender Schlag aus heiterem Himmel. Sie alle bekamen genau 30 Tage Zeit, um ihre Sachen zu packen und zu gehen. Das teilte ihnen die Verwaltung noch Ende August kurz, knapp und fristgerecht mit. Der Eigentümer, der Kasinogigant Harrah’s Entertaiment, braucht das Filetgrundstück Ecke Flamningo/Koval Lane, östlich der legendären Kasinomeile „Strip“, für neue Projekte. Wofür ist noch unklar, aber eines ist sicher: Es wird schön, groß und vor allem eines – teuer. Las Vegas Boulevard Süd – der Immobilenboom im Auge des Subprime-Taifuns.

Die Mietshäuser hatten nur einen Fehler: Sie lagen auf der falschen Seite der unsichtbaren Demarkationslinie, die an der Sahara Ave. die alte Mafia-Spielerstadt des „Bugsy" Siegel unerbittlich vom neuen Las Vegas eines Donald Trump oder Kirk Kekorian trennt. Da, wo ein Acre (4 047 Quadratmeter) Wüstenboden am Strip 20 Millionen Dollar wert ist.

Hier, zwischen dem Stratosphere Tower im Norden und der schwarzen Pyramide des Luxor, deren himmelwärts gerichteter Lichtstrahl nachts die Luxusmeile im Süden begrenzt, scheint die Welt noch in Ordnung. Zwar kamen nach Berechnungen der Immobilien-Webseite RealtyTrac.com im heißen Subprime-Sommer 2007 nirgendwo in den USA so viele Immobilien unter den Hammer wie in Nevada - mit einem von 165 Häusern waren das dreimal so viel wie im US-Durchschnitt. Aber auf dem Traumschiff Las Vegas Boulevard geht die Party weiter.

Im Nightclub Tao im Venetian kostet das Ribeye-Steak aus japanischem Kobe-Beef 150 Dollar und ein Zimmer schnell 300 Dollar. Den Absacker gönnt man sich an der mit 10 000 diamantförmigen Kristallen besetzten Bar im Playboy Club im 51. Stock des Palms-Hotels. Geld spielt keine Rolle.

Szenenwechsel: Vom Parkdeck des abgehalfterten Kasinoveteranen Circus Circus, wo der Jumbo-Hot-Dog noch 99 Cent und ein Zimmer mit abgewetztem Teppichboden 30 Dollar kostet, blickt man auf eine unendlich große Baugrube. Wo im März noch das legendäre Stardust stand, wird für 4,8 Milliarden Dollar das Echelon, das nächste Mega-Kasino mit 7 000 Zimmern hochgezogen. Später folgen Luxuswohnungen in bester Nachbarschaft des neuen Trump-Towers mit seiner vergoldeten Fassade. Und weil die Millionen-Behausungen weggegangen sind wie warme Semmeln, plant der New Yorker Tycoon noch einen Turm. Im angrenzenden Frontier, der Kasino-Legende der 60er- Jahre, wurden schon die Slotmaschinen abgeschaltet und die Roulettekessel angehalten. Nur nachts flackern noch völlig sinnentleert über einem mit Bauzäunen verrammelten Eingang trotzig hunderte bunter Glühbirnen und beleuchten gespenstisch einen gigantischen, menschenleeren Parkplatz. Bald kommen die Bagger.

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