Corporate Architecture
Firmen zeigen, was in ihnen steckt

Große Ansprüche an die Architektur als Ausdruck der eigenen Unternehmenskultur und Produktphilosophie sind Betrachter sonst nur von großen Marken gewohnt. Doch "Corporate Architecture" leisten sich heute nicht nicht mehr nur Großkonzerne.
  • 0

KÖLN. Sie bauen in New York, Berlin und: in Coesfeld-Lette. Ausgerechnet in der 6 600-Seelen Gemeinde westlich von Münster stehen Gebäude zweier internationaler Stars der Architektur: des Spaniers Santiago Calatrava und des Briten David Chipperfield. Calatrava entwarf das neue Wahrzeichen Malmös, einen sich scheinbar um die eigene Achse drehenden, 190 Meter hohen Wohnturm. Chipperfield baut das neue Justizviertel in Barcelona und auf der Museumsinsel in Berlin.

Dass Lette nun Ziel von Architekturtouristen ist, verdankt das Dorf dem dort ansässigen Textilhandelsunternehmen Ernsting's Family, das in bundesweit 1 400 Filialen preisgünstige Mode vertreibt. Mitte der 1980er-Jahre engagierte Ernsting's Family Calatrava für den Neubau eines Vertriebscenters. 2001 folgte Chipperfield: Für die neue Unternehmensverwaltung entwarf er eine campusartige Anlage, deren minimalistische Gliederung seine Handschrift trägt.

Solche Ansprüche an die Unternehmensarchitektur - unter dem englischen Begriff Corporate Architecture bekannt - sind Betrachter sonst nur von großen Marken gewohnt. BMW, Porsche, VW oder Adidas haben sich Top- Architekten geleistet, um eigene Produkte in spektakulären Gebäuden zu präsentieren. Doch auch der Mittelstand entdeckt den Charme einer Architektur, die unternehmerisches Selbstverständnis und Markenidentität nach außen trägt. "Wir verkaufen hochwertige Oberflächen - genau diese Botschaft transportiert unser Firmengebäude", sagt Ingo Vogler, Inhaber des gleichnamigen Lüdenscheider Spezialisten für Industrielackierungen. Rund 14 Mio. Euro investierte der Mittelständler, der mit 240 Mitarbeitern Kunststoffoberflächen für Automobilzulieferer lackiert, in sein Ensemble. Es wird dominiert vom Verwaltungsbau, einer rot umrandeten "Box" aus Glas und Stahl, entworfen vom regionalen Architekturbüro Arco.

Auf einen klangvolleren Namen setzte ein anderer Lüdenscheider Mittelständler, der Lichtspezialist Erco Leuchten: Das Frankfurter Büro Schneider + Schumacher, bekannt durch seine "Infobox" am Potsdamer Platz in Berlin, entwarf das neue Erco-Hochregallager. Nachts wird der funktionale Bau zu einer spektakulären Lichtinstallation: "Als Architekturzulieferer wollen wir unseren Kunden auf Augenhöhe begegnen", begründet Erco-Marketingfachmann Martin Krautter, wie er Unternehmen und Produkt in Szene setzt.

Denn nicht allein Endkunden erwarten ausgefallene Präsentationen. Auch Werkzeugmaschinenhersteller Gildemeister ließ sich einen Showroom entwerfen. Die Aufgabe übernahm kein Architekt, sondern ein Produktdesigner. Dominic Schindler, diesjähriger Gewinner des Designpreises Red Dot Award für die Entwicklung einer Gildemeister-Drehmaschine, kümmerte sich auch gleich um deren Präsentation. Der Nachwuchsdesigner ist sicher: "Eine Produktidee in Architektur zu übersetzen, das wird in Zukunft immer wichtiger."

Kommentare zu " Corporate Architecture: Firmen zeigen, was in ihnen steckt"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%