Drohender Untergang
Detroits Innenstadt verfällt

Die amerikanische Automobilmetropole im US-Staat Michigan kämpft gegen den Untergang. „Aus keiner anderen US-Großstadt ziehen zurzeit so viele Leute fort wie aus Detroit“, meldet das Online-Lexikon Wikipedia.

HOUSTON. „Arbeitskräfte gesucht“, warb Anfang des Jahres 2000 eine Anzeige der US-Zeitarbeitsfirma Advantage Staffing. Im Kleingedruckten stand: „Keine Bewerber aus der Detroiter Innenstadt“. So desolat ist die Situation in der elftgrößten Stadt der USA, dass selbst Arbeitgeber aus den angrenzenden Vororten nichts mit ihr zu tun haben wollen – auch heute noch. Im Advantage-Staffing-Fall machten erst Proteste von Angestellten und eine einstweilige Verfügung des staatlichen Gleichstellungsbeauftragten der diskriminierenden Praxis ein Ende.

Nicht nur bei Unternehmern gilt die Stadt als verrufenes Pflaster: Auch anderswo im Land assoziieren die Menschen mit Detroit Obdachlose, drogensüchtige Verbrecher, Bandenkriege und alleinerziehenden Sozialhilfeempfängerinnen. Daran kommt selbst das Imageproblem des deutschen Ruhrgebiets zu seinen schlimmsten Zeiten nicht heran. Der Unterschied: Den durch Kohle und Stahl geprägten Städten im Ruhrgebiet gelingt der Strukturwandel besser als der Automobilmetropole im Norden der USA.

„Aus keiner anderen US-Großstadt ziehen zurzeit so viele Leute fort wie aus Detroit“, meldet das Online-Lexikon Wikipedia. Mit 900 000 Einwohnern hat die Stadt im Bundesstaat Michigan in wenigen Jahrzehnten etwa die Hälfte der Bevölkerung verloren. Zwar verlieren auch Ruhrgebietsstädte Teile ihrer Bevölkerung, doch das Ausmaß ist überhaupt nicht mit dem Einwohnerschwund von Detroit vergleichbar.

Die Gründe für die Stadtflucht sind vielfältig, aber mit an vorderster Stelle steht die unglaublich hässliche und vielerorts kaputte Innenstadt. Während der Rassenunruhen von 1967 gingen unzählige Gebäude in Flammen auf – und viele davon stehen bis heute als verkokelte und teilweise eingestürzte Trümmer in den Stadtvierteln. „Alles was früher mal solide aussah, verwandelt sich in Rauch und Schutt“, berichtete die Tageszeitung Detroit News erst vor wenigen Wochen.

Etwa 40 000 Wohnhäuser im Stadtgebiet stehen seit Langem leer. Die früheren Besitzer sind oft nicht aufzufinden; viele haben seit Jahren keine Steuern und Abgaben mehr gezahlt. Doch die Stadt unternimmt nur halbherzige Räumungs- und Abrissversuche. Für die Moral der Det-roiter sind die Ruinen fast ebenso gefährlich wie für die Kinder der Nachbarschaft, die in den Überresten herumklettern. Hinzu kommen die enormen wirtschaftlichen Probleme. Der Bundesstaat Michigan hat die höchster Arbeitslosenquote der Vereinigten Staaten, und als wichtigster Standort der nationalen Autoindustrie ist Detroit abhängiger vom Wohlergehen einer einzigen Branche als jede andere US-Stadt. Solange die Autos von Ford, General Motors und Chrysler weggingen wie warme Semmeln, war das kein Problem; doch diese Zeiten sind lange vorbei.

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