Flüchtlinge
Zuhause bei Fremden

Wohin mit den Flüchtlingen? Diese Frage stellt sich nicht nur dieser Tage, sondern wurde auch schon in den Nachkriegsjahren heiß diskutiert. Heute gibt es Leerstand, damals hieß es Zusammenrücken. Ein Rückblick.

FrankfurtDie Unterkünfte für Flüchtlinge werden knapp. Wörter wie Enteignung machen die Runde. In Berlin und Hamburg wurden schon leerstehende Gewerbeimmobilien privater Besitzer beschlagnahmt um sie in Flüchtlingsunterkünfte zu verwandeln.

Solche Möglichkeiten gab es nach Ende des zweiten Weltkriegs nicht. Leerstand war damals ein Fremdwort. In vielen Städten hinterließen die Bomben nur Schutt, Asche und Ruinen. Doch auch in dieser Zeit kamen Flüchtlinge nach Deutschland. Rund 12 Millionen waren es. Die meisten stammten aus den deutschen Ostgebieten, die nun an Polen, Tschechien oder die Sowjetunion fielen. Aus Schlesien, Pommern Ostpreußen oder dem Sudetenland.

Einer von ihnen war Michael Conradts (Name geändert). Mit seinen Eltern und seinen zwei jüngeren Brüdern floh er als 12-Jähriger vor den sich nähernden Russen aus dem Sudetenland in Richtung Westen. Doch dort gab es keine Wohnungen mehr. Die Behörden quartierten die Familie in einer Kleinstadt bei Weimar kurzerhand in die Wohnung von Fremden ein. „Wir lebten zu fünft in zwei Zimmern“, erinnert er sich.

Wohnungsbewirtschaftung wurde diese Art der Unterbringung genannt. Die Behörden entzogen den Eigentümern die Verfügungsgewalt über ihren Wohnungen und Häuser. Im zerstörten Nachkriegsdeutschland waren solche Eingriffe an der Tagesordnung. „Das kam flächendeckend vor“, sagt Thomas Schlemmer vom Institut für Zeitgeschichte. „Die Besatzungsbehörden hatten große Vollmachten. Sie konnten Flüchtlinge einfach in Wohnungen zwangseinweisen, damit jeder zumindest irgendein Dach über dem Kopf hatte.“ Bis in die sechziger Jahre dauerte es, bis wieder genügend Häuser gebaut waren, um allen Menschen in Deutschland eine eigene Wohnung zu ermöglichen.

„Jeder hatte nur Anspruch auf einige weniger Meter Wohnraum. War die Wohnung zu groß, wurden weitere Bewohner dort zugewiesen“, sagt Staatsrechtler Erhard Denninger.“ Später sei das Recht, das bei Gefahr für Leib und Leben die Beschlagnahmung von Wohnungen erlaubt, auch in den noch heute geltenden Polizeigesetzen der Bundesländer aufgenommen worden. „Die Polizei muss aber nachweisen, dass sie keine andere Möglichkeit besitzt, die Menschen unterzubringen“, grenzt er ein. Im Jahre 1953 erließ der Bundesregierung schließlich sogar ein eigenes Gesetz zur Wohnraumbewirtschaftung. Bis 1960 blieb es in Kraft.

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