Flughafen München
Disco-Fieber am Airport

Hier eine Glitzerbluse, ein tiefes Dekolleté, dort ein rosafarbenes Männerhemd. Es ist Freitagabend und am Münchener Flughafen liegt der Coolness-Faktor der Besucher deutlich höher als während der Woche. Denn die aufgestylten Jugendlichen sind nicht auf dem Weg zum Pauschalurlaub, sondern in die Disco „Night Flight“ gleich neben der Startbahn.

HB MÜNCHEN. Der Flughafen als Erlebniswelt – wenn es nach den Städteplanern geht, wird das auch in München der neue Trend. Dabei versuchen die Planer, den Spagat zwischen den Tagesgästen aus der näheren Flughafenumgebung und den Reisenden aus aller Welt zu schaffen. Und deshalb ist die Freiheit auch unter den Wolken grenzenlos: Da landen die Stars aus Hollywood zur Europapremiere eines Blockbuster-Films schon mal direkt auf dem Rollfeld. Oder die Flughafengesellschaft kippt kurzerhand 700 Tonnen feinsten Sand neben den Biergarten, um die Bayerischen Meisterschaften im Beach-Volleyball zu veranstalten. Schließlich wurde das überdachte „Forum“ zwischen den beiden Terminals nicht zuletzt für solche Großveranstaltungen konzipiert.

„Bei uns hat man ein Dach über dem Kopf und ist trotzdem draußen“, sagt Simone Lápossy, deren PR-Agentur K3 den Flughafen vertritt. In diesem Sommer ist dort außer dem Sportereignis auf Sand ein Familientag mit den Fußballprofis von 1860 München geplant. Und auch ein Kunsthandwerkermarkt soll Gäste aus München und Umgebung an den Airport locken. Fast 30 Millionen Fluggäste jährlich machen München nach Frankfurt zum zweitgrößten Flughafen Deutschlands, europaweit liegt er auf Platz acht. Viele Reisende entscheiden sich inzwischen offenbar auch deshalb für München als Start- oder Zielort, weil sie dort ein ungewöhnliches Freizeit- und Shoppingangebot nutzen zu können. Und dennoch: Sie machen nur ein Drittel der Kundschaft aus, die die Betreibergesellschaft ansprechen will. Ein weiteres Drittel ist das jeweilige Spartenpublikum, also etwa die Beach-Volleyball-Fangemeinde oder beim Wohltätigkeitsmarathon die Laienteilnehmer und die Sponsorenschaft.

Das restliche Drittel stellen die Anwohner aus dem Umland. Um sie wirbt zum Beispiel das Luxushotel Kempinski mit speziellen Wellness-Angeboten und verbilligten Tarifen am Wochenende – Kurzurlaub im Flughafenhotel statt Städtereisen. „Wir haben inzwischen sogar eine ganze Reihe von Kunden aus dem Umland, die eine Jahresmitgliedschaft für unseren Wellnessbereich besitzen“, sagt Kempinski-Pressesprecherin Catrin Schmidt. „Bei uns bekommen sie eine bessere Verkehrsanbindung, und die Saunen und der Pool sind nicht so überlaufen wie andere Schwimmbäder in der Umgebung.“ Selbst wenn keine Sonderveranstaltungen auf dem Gelände laufen, zieht es insbesondere junge Familien in ihrer Freizeit hinaus zur Startbahn. „Wenn Sie hier mit Kindern unterwegs sind, ist es für die Eltern ein gutes Gefühl zu wissen: Die Kleinen können nirgendwo hin, es gibt keinen Autoverkehr und genug Platz, um sich richtig austoben zu können“, sagt Simone Lápossy. Extra-Pluspunkt: Das Gelände ist oft sauberer und auch sicherer als viele Bereiche der Innenstadt.

Kostenloses Parken, Preise auf Innenstadtniveau und Kinderbetreuungsangebote inklusive Playstation – dass die Flughäfen einen Gang heraufschalten, um sich bei den Kunden als neues Einkaufszentrum zu etablieren, ist kein Geheimnis mehr. Traditionsreiche Unternehmen wie etwa das Gewandhaus Gruber, das in Erding seit mehr als 350 Jahren für maßgerechte Kleidung sorgt, befürchten negative Auswirkungen für die Innenstädte. Vor allem die benachbarten Gemeinden Freising und Erding könnten betroffen sein, sagte Gewandhaus-Inhaber Hugo Gruber auf einer Tagung des Immobilienveranstalters Heuer Dialog: „Diese beiden Städte sind schon über tausend Jahre alt, aber durch den Flughafen könnten sie entsaftet werden.“

Diese Befürchtung jedoch mag Martin Lepper, Geschäftsführer beim Immobilienberatungsunternehmen ECE Consulting, nicht teilen. „Natürlich bieten die Airport-Erlebniscenter einen Neuigkeitsfaktor, aber deshalb werden die Leute nicht den Innenstädten den Rücken kehren – ebenso wenig wie ihrer Stammkneipe“, sagt der Shoppingcenter-Experte. Seine Vision für die neuen Flughafenwelten geht noch weiter: „Die Airports sollten sich als Visitenkarten der ganzen Region, des ganzen jeweiligen Landes verstehen. So wie das in Frankreich bei den neuen TGV-Bahnhöfen der Fall ist – darin spiegelt sich inzwischen das Selbstverständnis der gesamten Region.“

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%