Fremdwährungskredite
Hypothek mit Nebenwirkungen

In Osteuropa blüht das Geschäft mit Fremdwährungskrediten. In Ländern wie Ungarn, Polen und Rumänien liegt der Anteil solcher Finanzierungen zwischen knapp einem Drittel und 40 Prozent. Dadurch lässt sich viel Geld sparen – wenn alles gut geht.

Das war eine böse Überraschung, als Tamas Bencze den Kontoauszug seines Hypothekendarlehens öffnete. In gerade einmal zwei Monaten war die Rate für sein Eigenheim in Budapest um zehn Prozent gestiegen. „Meine Frau schaute sich den Kontoauszug an und fragte mich: ‚Was ist denn da los’“, sagt der Hausbesitzer. Bencze hat sich die Finger an einer riskanten Wette verbrannt: Er hatte eine Fremdwährungshypothek aufgenommen, angelockt durch niedrige Zinsen im Ausland. Alles ging so lange gut, bis sich die Wechselkurse plötzlich änderten und seine Monatsraten dadurch in die Höhe trieben.

Solche Finanzstrategien - günstig in einem Land Geld aufzunehmen und anderswo höher rentierlich zu investieren - werden gewöhnlich von Großinvestoren gespielt, wie Hedge-Fonds oder Wall-Street-Trader. Diese Manöver sind als „Carry-Trades bekannt geworden – „Carry“ steht im Banken-Jargon für Zinsdifferenz. Diese Geschäfte haben zugenommen, weil die Anleger in vielen Teilen der Welt angesichts relativ niedriger Zinsen nach neuen Wegen suchten, die Rendite aufzupeppen.

Vor diesem Hintergrund verwetten Millionen von Menschen in Osteuropa buchstäblich ihr Haus – in ihrer Form der Carry-Trades. Sie verschulden sich in Währungen mit niedrigen Zinsen wie Euro oder Schweizer Franken. So hat Tamas Bencze seine Hypothek in Schweizer Franken aufgenommen. Seine Monatsrate zahlt er in ungarischen Forint. Wenn also der Franken steigt, steigt auch seine Monatsrate. „Jeder ist ein Stück weit ein Spieler“, kommentiert Bencze trocken. Er zahlt für seine Hypothek 5,75 Prozent Zinsen. Für einen Immobilienkredit in heimischer Währung müsste er 14 Prozent berappen. Bencze arbeitet als Finanzanalyst bei einer Leasing-Firma und stottert auch sein Auto mit einem Franken-Kredit ab.

In Polen finanzieren schon rund 40 Prozent ihre Immobilie mit Fremdwährungskrediten. Vor ein paar Jahren waren solche Finanzierungen noch kein Thema. Nach Zahlen der schwedischen Bank SEB lauten in Lettland schon 70 Prozent der Kredite auf Euro, und in Ungarn beträgt die Quote der Fremdwährungsdarlehen nach Angaben der Zentralbank bereits die Hälfte.

Eine Überraschung, wie sie der ungarische Hausbesitzer Bencze erlebte, kann auch die Weltwirtschaft erschüttern. So führte auch die plötzliche Auflösung von Carry-Trades durch große Investoren am 27. Februar 2007 dazu, dass die US-Aktienmärkte ihren größten Tagesverlust seit vier Jahren erlebten.

Regierungen befürchten, dass Anleger, groß oder klein, vielleicht zu sorglos mit potenziell heftigen Wechselkursschwankungen umgehen. Das Schreckensszenario für Ungarn sieht dabei so aus: Ein Absacken des Forints führt zu einem Crash am Wohnungsmarkt, der dann auf die Volkswirtschaft übergreift.

Die ungarische Zentralbank hat im vergangenen Jahr einen Bericht herausgegeben, wonach Fremdwährungsdarlehen ein „erhebliches Risiko für die Finanzstabilität darstellen“. Diesen Januar folgte die Bank mit einer Erhebung unter mehr als 1 000 Inhabern von Fremdwährungshypotheken, die Aufschluss über deren Risikobewusstsein geben sollte. Fazit: „Eine beträchtliche Anzahl hatte keine Vorstellung von dem, was passieren würde“, sagt Tamas Kalman von der ungarischen Notenbank, der die Studie geleitet hatte.

Polen ist bereits einen Schritt weiter. Das Land hat im vergangenen Jahr eine Verordnung erlassen, um Fremdwährungsanleihen zu begrenzen. Denn Polen gehört zu einer Reihe von Ländern wie Ungarn und Lettland, in denen die fällig werdenden Fremdwährungskredite die Fremdwährungsreserven der Regierungen bereits übersteigen. Sollten ausländische Investoren aus irgendwelchen Gründen entscheiden, ihr Geld in großem Stil aus diesen Ländern abzuziehen, kämen deren Währungen unter Druck.

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