Gigantisches Überangebot an Wohnungen
In Spanien beginnt das große Maklersterben

Die Nachfrage nach Wohnraum stagniert, das Überangebot drückt auf die Preise: Rund 500 000 Wohnungen sollen in Spanien leerstehen. Der Einbruch der Wohnungsverkäufe führt zu Massenschließungen bei den Vermittlern - Internationale Häuser verlassen das Land.

MADRID. Musste in den letzten Jahren mal wieder ein kleines Mode- oder Einrichtungsgeschäft in Spaniens Städten schließen, weil es sich die exorbitanten Mieten nicht mehr leisten konnte, so war die Wahrscheinlichkeit groß, dass eine Bankfiliale oder ein Immobilienmakler die leerstehenden Geschäftsräume anmieten würde. Damit ist nun Schluss, zumindest was die Makler angeht. Innerhalb von sechs Monaten schlossen die zehn größten Maklerfirmen mehr als die Hälfte ihrer Filialen in Spanien. Hatten sie vor einem halben Jahr noch mehr als 3 000 Geschäftsstellen, sind es nun nur noch rund 1 400. Zwei große Maklerfirmen, Expofincas und MC Inmobiliaria, meldeten Konkurs an. Zwei weitere, Fincas Corral und Don Piso, stehen zum Verkauf. Internationale Anbieter wie Coldwell Banker verlassen Spanien.

Schuld ist vor allem das gigantische Überangebot an Wohnungen, gepaart mit einer stagnierenden Nachfrage. Im Juni wurden 48 000 Wohnungen verkauft, 30 Prozent weniger als im gleichen Vorjahresmonat, gab das Nationale Statistikinstitut INE gestern bekannt. Die Vergabe von Hypothekenkrediten schrumpfte um 40,6 Prozent, nach einem Rückgang von 40,4 Prozent im Mai. Die Zahlen sind seit fünf Monat rückgängig. "Der schwierige Arbeitsmarkt und die veränderten Finanzierungsbedingungen lassen auf eine Nachfrage nach Neuwohnungen von 475 000 jährlich in den nächsten drei Jahren schließen, wobei der Tiefpunkt in diesem Jahr mit einem Minimum von 425 000 erreicht sein dürfte", heißt es bei dem größten spanischen Immobilienbewerter Tinsa.

Doch es kommen immer mehr Neubauwohnungen auf den Markt - Frucht der Bauexzesse in den vergangenen Jahren. Noch 2007 wurden in Spanien 600 000 neue Wohnungen gebaut, in den Jahren zuvor waren es jährlich fast eine Million - mehr als in Deutschland, Frankreich und Italien zusammen. Erst in diesem Jahr kam der große Einbruch in der Baubranche: Im ersten Quartal 2008 wurde der Bau von 108 000 Wohnungen genehmigt, 36 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Zahl der fertiggestellten Wohnungen wächst indes noch weiter, im ersten Quartal kamen 180 000 neue Wohnungen auf den Markt, immer noch 17 Prozent mehr als im gleichen Vorjahreszeitraum.

So wächst der Angebotsüberhang weiter und erreicht derzeit etwa 500 000 Wohnungen. Bis Ende 2008 könnte sich die Zahl der Wohnungen, die vergeblich auf einen Käufer warten, auf eine Million erhöhen. Logische Folge ist ein kräftiger Preisverfall. Experten des IWF und der OECD zufolge sind die Wohnungen in Spanien um 20 bis 30 Prozent überbewertet.

Doch bisher fallen die Preise nur zögerlich. Tinsa zufolge waren Wohnungen in diesem Juli nur 3,9 Prozent günstiger als im Juli 2007, allerdings gewinnt der Preisverfall nachhaltig an Fahrt. "Je länger aber die Verkäufer das erste ökonomische Prinzip missachten, dass nämlich ein Angebotsüberhang sinkende Preise erzwingt, desto länger wird der Anpassungsprozess dauern und desto schlimmer werden die Konsequenzen sein", warnt José García Montalvo, Wirtschaftsprofessor an der Universität Pompeu Fabra in Barcelona.

Anne Grüttner ist Handelsblatt-Korrespondentin in Madrid.
Anne Grüttner
Handelsblatt / Korrespondentin
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