Immobilien-Boom auch auf dem Land
Wohnungskäufer werden immer gieriger

Volle Taschen, billiges Baugeld – die Deutschen kaufen, als gäbe es kein Morgen. Auf dem Land wechseln immer mehr Häuser die Besitzer. Für die Städte warnt die Bundesbank inzwischen vor einer Überhitzung.
  • 19

DüsseldorfDass Wohnungsmieten und -preise in den deutschen Metropolen hochschießen, gibt schon lange keine Schlagzeile mehr her. Genau so wenig, dass Wohnungen dort in Windeseile verkauft werden. Erstaunlicher ist dagegen, die Erkenntnis der amtlichen Gutachterausschüsse, dass die Besitzwechsel nun auch auf dem Land zunehmen und Mieten und Preise „in den gut ausgebauten ländlichen Gebieten zumindest stabil bleiben werden.“ Ursache für den allgemeinen Wohnimmobilienboom sind für die Ausschüsse die niedrigen Zinsen. Sie sorgen für eine rasante und preistreibende Nachfrage.

Nach wie vor steigen die Preise schneller als die Mieten. Ein Effekt, der immer weitere Kreise um die Ballungszentren zieht. Das Immobilienmarktforschungsinstitut Empirica stellte kürzlich für das vierte Quartal 2016 fest, dass nun in 227 von 402 Landkreisen und kreisfreien Städten die Preise für Wohneigentum stärker als die Mieten gestiegen sind. Im Vorquartal galt dies für 215 Städte und vor drei Jahren nur für 125. Auch dies spricht dafür, dass der Boom vom den prosperierenden Großstädten auf das Umland abfärbt.

Im vergangenen Jahr wechselten Wohnungen, Häuser und Grundstücke für mehr als 210 Milliarden Euro den Besitzer, schätzt Peter Ache, Geschäftsstellenleiter des Arbeitskreises der Gutachterausschüsse. „Es ist nicht absehbar, dass das Investitionsvolumen zurückgeht“, blickt Ache in die Zukunft. 2015 war die Marke von 200 Milliarden Euro übersprungen worden. Die Gutachterausschüsse erheben seit 2007 bundesweite Zahlen. Anders als die Aufzeichnungen der großen Maklerhäuser, die nur Portfoliotransaktionen mit mehreren Millionen Volumen erfassen, basieren die Angaben der Gutachterausschüsse auf den von den Grundbuchämtern der Amtsgerichte erfassten Besitzwechseln.

Das Investitionsverhalten habe viel mit der Zinsentwicklung zu tun, sagt Ache. „Wir beobachten sehr genau, was mit den Zinsen passiert.“ Auch wenn sie leicht stiegen, sei aber längst nicht das Niveau erreicht, bei dem die Bundesbürger nicht mehr investierten. Seit November 2016 ziehen die Baugeldzinsen leicht an, sind aber im historischen Vergleich unverändert auf extrem niedrigen Niveau. Niedrige Zinsen machen Immobilienkredite für Käufer günstiger, was die Nachfrage antreibt. Umgekehrt bremsen steigende Zinsen, weil die Finanzierungskosten zunehmen und alternativen Geldanlagen attraktiver werden.
Empirica warnt allerdings schon seit Monaten vor Rückschlägen bei den Preisen in den Metropolen, sobald die Zinsen steigen.

Kommentare zu " Immobilien-Boom auch auf dem Land: Wohnungskäufer werden immer gieriger"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • @F. Gessw.

    Zu Ihrem 1. Punkt, den Zinsen, möchte ich mich nicht äußern. Wir kämen sonst vom Hundertsten ins Tausende.
    Zur Geldanlage: Bislang hat noch niemand bestritten, dass Aktien die mit Abstand rentabelste Geldanlage ist. Nur zwei Zahlen. DAX und MDAX wurden am 1.7.1988 gegründet. Seither sind knapp 29 Jahren verflossen. Wer damals 100 000 EUR in den DAX investiert hat, besitzt heute 1,2 Millionen. Bei einer Investition in den MDAX sind es 2,3 Millionen.

    Es ist oft gesagt worden, dass man in eine Aktienanlage nur langfristig nicht benötigtes Geld investieren darf. Ebebso oft ist gesagt worden, dass die enormen Kursschwankungen des Aktienmarktes für einen Christenmenschen nur schwer auszuhalten sind. Und noch öfter ist gesagt worden, dass man sein Geld zwischen verschiedenen Anlageklassen streuen sollen. Alles zusammengenommen ergibt sich der Rat, sich ein Portefolio zusammenzustellen. Es könnte vielleicht zu 70 % aus Aktien (Rendite auf lange Sicht) und zu 30 % aus Tagesgeld (ist jederzeit verfügbar und dämpft die Schwankungen des Aktienmarktes) bestehen.

  • Sehr geehrter Herr Reichel,

    ob in den Immobilienmärkten unserer Großstädte eine Preisblase besteht oder nicht, ist natürlich Definitionssache. Eine höchst eigenwillige Definition bietet Empirica an. Danach gehört zu einer Blase, dass mehr Wohnungen gebaut werden als nötig und diese Neubauten auch noch in hohem Maße mit Krediten finanziert werden. Ich sage dazu nur, die Menschen sind frei. Auch beim definieren.

    Eine völlig andere Definition stammt von den Vermögensverwaltern der superreichen Familien, die vor einigen Wochen von Ihrem Blatt interviewt worden sind. Die Vermögensverwalter haben den Blickwinkel eines Investors, der alle möglichen Geldanlagen sichtet und ihre Renditen miteinander vergleicht. Entdecken sie eine Geldanlage, die nur nur mickrige Renditen einbringt, sagen unsere Vermögensverwalter: "Gemessen an ihren Erträgen, ist der Kaufpreis der Vermögensanlage stark überteuert". Diese Überteuerung nennen sie "Blase".

    Akzeptiert man diese Definition, gibt es wahrscheinlich in den meisten deutschen Großstädten mehr oder große Preisblasen.

  • Hallo Frau Kah,

    ja, wir hatten schonmal eine kurze Diskussion, da ging es um den Sinn staatlicher Investitionen.

    Ihre Argumentation beinhaltet zwei nicht belegte (und ggf. auch nicht belegbare, aber auch nicht widerlegbare) Behauptungen: 1) Die Zinsen steigen irgendwann (wann auch immer) wieder und 2) Es gibt "bessere" (was auch immer das heißt) Anlagen.

    Zu 1) muss ich sagen: Kann sein. Aber Wachstum braucht einen Grund. Machen Sie es mal an sich selbst fest, das ist nicht super repräsentativ, macht aber das Problem sehr schnell deutlich. Was fehlt Ihnen im Leben, rein materiell betrachtet? Was können Sie noch mehr konsumieren und wie viel mehr können / wollen / müssen Sie dafür arbeiten?
    Ich persönlich kann und sollte nicht noch mehr essen, mein Kühl- und Kleiderschrank ist voll, mein Auto ca. 4 Jahre alt (ja, da könnte natürlich schon ein neues her...), mein Handy erst ein paar Wochen. Wir machen 2x im Jahr Urlaub, mein Tagesplan ist weitgehend gefüllt mit Familie, ich möchte nicht mehr arbeiten, weil ich dann noch weniger Zeit hätte, Geld auszugeben z. B. für Kino, Sport und was man so in der Freizeit macht. "Wachstum" entstand bei mir in den letzten Jahren durch Familienzuwachs, aber mal ehrlich, der Planet insgesamt ist ja nicht unterbevölkert.

    Also woher soll das Wachstum kommen, das wir für Zinsen brauchen?`

    2) Das mag der Fall sein. Aber ich arbeite bei einer Versicherung und kenne Kollegen aus der Kapitalanlage, die sind "nahe am Markt" - wenn Sie denen die sicheren, rentablen und liquiden Anlagen nennen, die Sie zu kennen vorgeben, haben Sie ausgesorgt. Ehrlich.

    Ich argumentiere überhaupt nicht für Immobilien. Ich sage nur, dass bei aller Korruption, Insidertrading etc. der Kapitalmarkt ein sehr transparenter ist und Sie mehr Rendite i. d. R. nur für mehr Risiko bekommen. Und dass damit eine "bessere" Anlage zur reinen Meinungssache wird.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%