Inteko-Chefin Jelena Baturina
"Der Bauboom ist nicht zu Ende"

Die Büronachfrage in Moskau ist ungebrochen, meint Jelena Baturina (41), Frau des Moskauer Bürgermeisters Jurij Luschkow und Chefin des Mischkonzerns Inteko.

Baturina ist eine der größten Bauunternehmerinnen der russischen Hauptstadt. Inteko baut rund eine Million Quadratmeter Wohnfläche im Jahr - rund ein Fünftel des Moskauer Marktes. Die Chefin des Konzerns äußert sich im Handelsblatt-Interview.

Frau Baturina, ist der Moskauer Immobilienmarkt überhitzt, wie viele Analysten meinen?

Baturina: Nein, wir haben bisher noch nie Probleme gehabt, eines der von uns gebauten Objekte zu verkaufen. Eine mögliche Überhitzung des Moskauer Immobilienmarktes ist nur vor dem Hintergrund zu sehen, dass es in anderen Regionen Russlands kaum Investitionen in Immobilien gibt. Praktisch alle konzentrieren sich auf Moskau. Meiner Ansicht nach hören die Immobilienpreise in Moskau erst dann zu wachsen auf, wenn das Geld, das die Russen haben, nicht nur in Wohnungen in Moskau, sondern auch in anderen Provinzen angelegt werden kann.

Hat denn die jüngste Bankenkrise in Russland keine negativen Auswirkungen?

Baturina: Es gibt natürlich Immobilienfirmen, die Kredite für ihre Betriebsmittel brauchen und die bekommen natürlich einige Probleme. Wir haben weder solchen Bedarf noch solche Probleme. Wir verdienen unser Kapital selbst. Es hilft uns, das wir sehr stark diversifiziert sind. Außerdem sind unsere Preise sogar kürzlich etwas gestiegen. Denn viele Menschen, die vorher Geld auf Konten hatten, haben begonnen, Immobilien zu kaufen – für sich selbst und als Anlageobjekte.

Wie sieht es denn auf dem Moskauer Markt für Gewerbeimmobilien aus?

Baturina: In der Stadt herrscht nach wie vor ein großes Defizit an Büroflächen, Geschäftsflächen und anderen Gewerbeimmobilien. Es gibt eine gewaltige Nachfrage nach Büros. Wir merken das an uns selbst: Wir können bis heute keine geeigneten Büroflächen anmieten. Deshalb werden wir jetzt auf eigenem Grund ein Bürohaus für uns bauen.

Gibt es denn in Moskau noch genügend Baugrund?

Baturina: In der Stadt gibt es unglaublich große Industrieflächen. Sie gehören Betrieben, die aus der Stadt umgesiedelt werden sollen. Das schafft ausreichend neue Bauflächen. Ebenso sollen die Fünf-Etagen-Blöcke der Chruschtschow-Ära abgerissen werden.

Konkurrenten beklagen, dass es in Moskau nicht oder kaum möglich ist, überhaupt Grundstücke zu kaufen. Ihr Mann, der Bürgermeister, blockiere das...

Baturina: ...aber es gibt auch in Moskau privaten Grundbesitz. Und ich bin nicht die einzige Grundbesitzerin Moskaus. Ich habe den Boden nicht der Stadt Moskau abgekauft, sondern von anderen Eigentümern erworben. Insgesamt hat meine Firma 350 Mill. Dollar für Baurechte und Baugrund in Moskau bezahlt.

Welche Rolle spielt Ihre Firma Inteko, die im vergangenen Jahr rund 500 Millionen Dollar Umsatz gemacht hat, im Moskauer Immobiliengeschäft?

Baturina: Wir sind einer der größten Baukonzerne der Stadt. Wir bauen nur und sind nicht im Immobilienverkauf tätig, weil das aus meiner Sicht ein zu spekulatives Geschäft ist. Deshalb verkaufen wir die von uns gebauten Objekte über offene Ausschreibungen als Immobilien-Pakete. Im Jahr bauen wir jetzt eine Million Quadratmeter Wohnungen. Auf diesem Niveau werden wir bleiben, weil für eine Ausweitung unserer Kapazitäten erhebliche Investitionen nötig würden, wir das Geld aber lieber in andere strategische Projekte – wie die Landwirtschaft und die Zementindustrie – stecken.

Wo können russischen Immobilienfirmen ihr Geschäft ausweiten?

Baturina: Vor allem in Moskau, an der Schwarzmeerküste, in St. Petersburg sowie in der Ukraine. Die russischen Regionen stehen mit ihrer Entwicklung erst am Anfang. Aber auch in Moskau wird der Bauboom mit den gleichen Wachstumsraten noch ein paar Jahre andauern; fünf Millionen Quadratmeter Wohnungen nimmt der Markt noch mehrere Jahre bequem auf. Was Kaufkraft und Nachfrage angeht, so sehe ich nichts, was das aufhalten könnte. Das wäre nur bei einer Finanzkrise der Fall oder wenn rasches Wachstum in den Regionen Ressourcen aus Moskau in die Provinzen umleiten würde.

Neben Ihrer Bautätigkeit kaufen Sie Zementwerke. Wie kommen Sie voran?

Baturina: Wir bauen eine Zement- Holding auf und werden dazu zu unseren bisher fünf Werken weitere hinzukaufen. Dann werden wir sie modernisieren und unsere Kapazität von derzeit zwölf auf 15 bis 20 Millionen Tonnen Zement jährlich steigern. Jetzt ist die Zeit, zu kaufen, also kaufen wir – nicht nur in Russland, sondern auch in Nachbarländern. Zudem wächst in Russland der Bedarf nach Zement und wenn ein Defizit entsteht, macht es Sinn, die Produktion auszuweiten.

Planen Sie auch Projekte mit deutschen Partnern?

Baturina: Mit einer deutschen Projektierungsfirma werden wir ein gemeinsames Architekturbüro in Moskau eröffnen. Außerdem verhandeln wir mit dem deutschen Landmaschinenbauer Claas über die Fertigung von Mähdreschern für unsere 50.000-Hektar-Farm im Belgoroder Gebiet im Südwesten Russlands.

Das Gespräch führte Mathias Brüggmann.

Quelle: Handelsblatt Nr. 156 vom 13.08.04 Seite 34

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