Auf den Längsseiten des Omnibus steht "Foreclosure Bus Tours" - Zwangsversteigerungs-Buslinie. Mit dem Bus werden potenzielle Käufer zu den Objekten gefahren. Fachleute für Zwangsversteigerungen haben in den USA gut zu tun.
SAN DIEGO. So ungefähr einmal im Monat veranstaltet Immobilienmakler Joseph Iuliucci eine Busfahrt für potenzielle Käufer: Reiseziele sind Häuser, die der Bank gehören. Solche Touren gehören in den USA langsam zum Alltag. Der Immobilienmakler Coshow Real Estate Group in San Diego hat sogar eigens einen Omnibus gemietet. Auf den Längsseiten steht jetzt: „Foreclosure Bus Tours“ – Zwangsversteigerungs-Buslinie. Das Unternehmen bietet jedes zweite Wochenende Busfahrten an – entweder zu Eigentumswohnungen oder Einfamilienhäusern, die zwangsversteigert werden.
Und so läuft eine typische Zwangsversteigerungstour ab: Eine Gruppe von Coshow-Mitarbeitern empfängt die etwa 25 Teilnehmer. Auf einem Tisch stehen Gebäck und Getränke bereit. Jeder Interessent bekommt ein Namensschild und eine Broschüre, in der die sieben Eigentumswohnungen aufgelistet sind, die an diesem Tag besucht werden. Zu jeder Immobilie finden sich umfangreiche Informationen, darunter der derzeitige Angebotspreis sowie der Preis, den der letzte Besitzer für die Wohnung gezahlt hat. Auf dem Weg zur ersten Besichtigung sagt Firmengründerin Carla Coshow: „Wir sagen nicht, dass jemand diese Preise bieten sollte. Aber zumindest sind sie vernünftig.“
Infografik: Zwangsversteigerungen in den USA
Auch ihr Kollege Iuliucci hatte noch nie so viel zu tun wie derzeit. Er ist Zwangsversteigerungsspezialist bei der Prudential American Group in Las Vegas. Auf seiner Bestandsliste stehen über 500 Angebote, und im vergangenen Jahr war Iuliucci unter den zehn besten Verkäufern des Franchise-Unternehmens Prudential Real Estate. Der Makler beschäftigt 22 Mitarbeiter, um das boomende Geschäft zu bewältigen.
Der anhaltende Abschwung auf dem Immobilienmarkt setzt vielen Maklern derart zu, dass sie aufgeben oder an der Pleite vorbeischrammen. Nur eine Gruppe von Immobilienbrokern gedeiht jene wie Iuliucci oder Coshow, die sich auf den Verkauf von Häusern spezialisiert haben, die Banken zwangsversteigern lassen.
Solche Immobilien seien das einzige, was in der Stadt laufe, sagt Larry Salas von All-Star Realty Sales in Miami. Seine Firma bietet zurzeit rund 150 Häuser zum Verkauf an, alles zwangsversteigerte Grundstücke. Vor anderthalb Jahren waren es bloß 25 bis 30 Häuser. Salas hat solch einen schwachen Markt in seinen über 30 Jahren als Immobilienmakler noch nicht erlebt – und das kommt ihm außerordentlich zugute.
Im vergangenen Jahr wurden in den USA insgesamt 5,65 Millionen gebrauchter Wohnimmobilien verkauft. Im Vergleich zum Rekordjahr 2005 war das ein Minus von 20 Prozent. In diesem Jahr dürften die Verkaufszahlen weiter zurückgehen. Viele Immobilienmakler suchen sich deshalb bereits einen anderen Job. Die Zahl der Mitglieder im Maklerverband ist vom Spitzenwert von 1,37 Millionen im Oktober 2006 auf 1,24 Millionen gesunken.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: "Drogen, Tod, Scheidung."
Nach Daten von First American Core Logic, einer Researchfirma im kalifornischen Santa Ana, gehört jedes neunte zum Verkauf stehende Haus dem Gläubiger. In einigen Regionen dominieren Häuser, die in der Zwangsvollstreckung oder davon bedroht sind, den Markt. Im Großraum Las Vegas waren im März 52 Prozent aller Transaktionen solche Notverkäufe, wie der örtliche Immobilienmaklerverband erklärt.
Gleichwohl sagt Fachfrau Coshow, es sei gar nicht einfach, Grundstücke zu finden, die zwangsversteigert würden. Denn die Kreditgeber stellten längst nicht alle Objekte in die Datenbanken der Immobilienmakler ein. „Wir schätzen, dass die Hälfte der Grundstücke nicht in diesen Listen steht“, sagt Coshow. Die Banken „glauben, dass die Preise wieder steigen und warten ab“.
Das Unternehmen FIS Management Solutions aus Westminster in Colorado verkauft Häuser in der Zwangsvollstreckung über ein landesweites Maklernetz für seine Bankkunden. FIS-Präsident Chad Neel sagt, er habe eine Liste von 30 000 Maklern, die sich auf Grundstücke im Bankenbesitz spezialisiert hätten. Rund 4 000 davon hat sich sein Unternehmen ausgesucht, um mit ihnen zusammenzuarbeiten.
Einer davon ist Chuck Braniff. Er verkauft Häuser in der Zwangsvollstreckung in Flint, Michigan. Braniff hat sich bereits seit über 15 Jahren auf das Geschäft spezialisiert und Beziehungen zu Firmen wir FIS aufgebaut sowie zu den Bankmitarbeitern, welche die Zwangsvollstreckungen abwickeln. Braniff bekommt von seinen Geschäftspartnern einen stetigen Nachschub an Angeboten. Die Banken erwarten im Gegenzug von ihm, dass er sich um die Objekte kümmert, etwa Reparaturen veranlasst, wenn Diebe die Kupferleitungen aus einem Haus gerissen haben. Der Makler trägt immer eine Dose Pfefferspray bei sich, etwa um in schlechteren Wohnvierteln Hunde abzuwehren.
Maklern wie Braniff zahlen Banken oft eine Courtage von zwei Prozent. Für den Verkauf gewöhnlicher Häuser verlangen die Makler meist eine Provision von 2,5 bis drei Prozent. Braniff sagt: „Wir arbeiten uns die Hände wund, und die streichen einen Teil der Provision ein.“ Als Beschwerde will er das aber nicht verstanden haben. Der Makler hat drei Kinder auf dem College und schätzt den steten Strom der Arbeit, den die Zwangsversteigerungen ihm bescheren.
Vor kurzem besichtigte Braniff ein geräumiges Haus in einem Mittelschichten-Viertel. Fünf Monate zuvor war es für 149 000 Dollar angeboten worden. Im März schließlich fand es für 95 000 Dollar einen Käufer. „Vor ein paar Jahren war dies noch ein 175 000-Dollar-Haus“, sagt der Makler. Ein Problem ist der Verlust von Industrie-Arbeitsplätzen in Flint. Aber es gibt auch noch andere Faktoren. Wenn man in die Häuser schaue, stoße man geradezu darauf, sagt Braniff: „Drogen, Tod, Scheidung, Spielsucht.“
Der Autor ist Redakteur des Wall Street Journal. Mitarbeit: Peter Grant
Zeichen der Krise
Überschuldet
Die Immobilienkrise in den USA weitet sich aus. Im März stieg die Zahl der Anträge auf Zwangsversteigerungen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 57 Prozent auf mehr als 234 000 Fälle. Nach Angaben des Marktbeobachters Realty Trac sind die Bundesstaaten Nevada, Kalifornien und Florida am stärksten betroffen. Die Investmentbank Lehman Brothers schätzt, dass in den USA in diesem und im nächsten Jahr insgesamt 2,5 Millionen Häuser unter den Hammer kommen. Laut Moody’s Economy.com übersteigt bei 8,8 Millionen Darlehensnehmern schon jetzt die Hypothek den Wert ihres Hauses.
Überschwemmt
Dadurch kommen immer mehr Immobilien auf einen ohnehin überladenen Markt, was die Preise drückt. Daher werden derzeit auch relativ wenige neue Häuser gebaut. Die Zahl der Baubeginne sank im März auf den niedrigsten Stand seit 1991. Auslöser für den Zusammenbruch des US-Immobilienmarktes war die Vergabe von Hypotheken an Kreditnehmer mit geringer Bonität. Diese Finanzierungen platzten massenhaft. Die Verluste der Finanzinstitute summieren sich auf über 200 Milliarden Dollar.
