Kampf gegen Modernisierung
Zoff in Hamburg ums Gängeviertel

Das hatte der niederländische Investor Hanzevast bestimmt nicht erwartet: Die Überweisung der ersten Rate für Grundstücke im historischen Gängeviertel Hamburgs an die Finanzbehörde der Stadt brachte ihn sofort auf die Titelseiten der Lokalpresse – und die Hamburger gegen ihn auf. Denn aus dem alten Arbeiterviertel soll ein modernes Quartier werden.

HAMBURG. Mitte Oktober wurde klar, dass der Anbieter geschlossener Fonds am Kauf eines 7 000 Quadratmeter großen Häuserensembles aus dem 18. Jahrhundert im Herzen der Innenstadt festhält. Mit einer weiteren Ratenzahlung in dieses Woche untermauerte Hanzevast seine Ambitionen. Doch die eher zurückhaltenden Hanseaten halten dagegen.

In den Hinterhöfen zwischen Valentinskamp und Caffamacherreihe protestieren sie mit Lichterketten, Kunstevents und Pressekonferenzen. 10 000 Hamburger pilgerten seitdem zu dem Areal zwischen Springer-Konzern und Musikhalle, um ihre Sympathie für ein fast vergessenes Stück Hamburg zu bekunden. Die Künstlerinitiative „Komm in die Gänge“ hat knapp 20 000 Unterschriften gegen den Verkauf gesammelt. Rund 250 Künstler besetzten einen Teil der Häuser, die der Stadt gehören, besetzt. Anders als vor vielen Jahren in der Hafenstraße auf St.Pauli oder der „Flora“ im Schanzenviertel tolerieren die Behörden diesmal die Hausbesetzer.

In der Kritik stehen jetzt die zuständigen Behörden. Ein einberufener runder Tisch wurde kurzerhand wieder abgesagt, öffentliche Stellungnahmen des Oberbaudirektors zurückgezogen. Andy Grote, stadtentwicklungspolitischer Sprecher der SPD, sieht die Verantwortung beim Finanzsenator Michael Freytag und seiner Kollegin Anja Hajduk: „Wenn die Stadtentwicklungsspolitik in der Finanzbehörde gemacht wird, wo Grundstücke nicht als Stück Stadt, sondern als Vermögenswerte gelten, braucht niemand eine Stadtentwicklungssenatorin“, kritisiert Grote.

Während sich der Finanzsenator bisher gar nicht geäußert hat, versprach die Stadtentwicklungssenatorin inzwischen, in der Sache federführend zu agieren. Vor ihr liegt das Konzept von Hanzevast, das sich am Vorbild der Hackeschen Höfe in Berlin orientiert. Wenn sich der Investor durchsetzt, wird im Gängeviertel für rund 50 Mill. Euro ein Wohn-, Büro- und Kulturviertel entstehen. Unklar ist, was abgerissen wird, was stehen bleibt. Die Gegner des Projekts fürchten das Schlimmste.

Dennoch zogen die Hausbesetzer aus den verkauften Häusern in andere Räume innerhalb des Gängeviertels, die ihnen die städtischen Wohnungsgesellschaft Saga zur Verfügungen gestellt hat. „Um Steuergelder zu sparen, die bei Forderungen des Investors fällig werden könnten“, erklärt Christine Ebeling von der Künstlerinitiative.

Politik, Künstlerszene, Einwohner und Presse sind sich einig: Das Gängeviertel muss unter der Regie der Stadt saniert werden und darf nicht einem Investor übergeben werden, der einen Teilabriss planen könnte. An einem Strang wolle man nun ziehen, verspricht der Senat: Einstimmig beschloss er am Dienstag, dass das Konzept überarbeitet werden muss und die Künstler im Viertel zu integrieren sind. Stadtentwicklungssenatorin Anja Hajduk verspricht: „Wir werden sowohl die Initiative der Künstler, den Denkmalschutz als auch die geltenden Verträge berücksichtigen.“ Auch die Kultursenatorin bekräftigt, dass sie im Schulterschluss mit Stadtentwicklungs- und Finanzbehörde voranschreiten will. Die Sprecherin der Künstlerinitiative Christine Ebeling zeigt sich darüber „überrascht, aber nicht wirklich erfreut“. Es fehle eine Stellungnahme des Finanzsenators Michael Freytag. „Wir wollen abwarten, wie das neue Denken aussieht, und erwarten Vorschläge vom Senat“, sagt Ebeling. Selbst der ehemalige Bürgermeister Klaus von Dohnanyi meldete sich zu Wort: „Ich würde eine Lösung mit den Künstlern begrüßen.“

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%