Konsortium erwirbt Appartment-Komplex
Milliardendeal in New York

In direkter Nachbarschaft der New Yorker Wall Street sind Geschäfte jenseits der Fünf-Milliarden-Dollar-Marke alltäglich und im Grunde nicht weiter der Rede wert. Dennoch geht ein Aufschrei durch den Osten der US-Metropole, seit klar ist, dass der größte zusammenhängende Appartment-Komplex Manhattans den Besitzer wechselt.

NEW YORK. Der US-Lebensversicherer Metlife fährt mit dem Verkauf von Stuyvesant Town und Peter Cooper Village 5,4 Mrd. Dollar ein - der teuerste Immobiliendeal in der US-Geschichte. Den Zuschlag erhielt ein Konsortium um die US-Immobilienfirma Tishman Speyer, der bereits das Rockefeller Center, das Chrysler-Building sowie weitere Wolkenkratzer in New York gehören. Für die rund 25 000 Bewohner der 11 000 Appartments wäre das nicht weiter tragisch, müssten sie nicht fürchten, dass ihr Heim am Rande des Hudson River schon bald ähnlich teuer werden könnte wie all die Glitzertempel ringsherum in ihrer Nachbarschaft.

"Das ist ein schwarzer Tag für das bezahlbare Wohnen", klagte Michael McKee, Schatzmeister eines großen Mieterkomitees, dass mit einem 4,5 Mrd. Dollar teuren Gegenangebot erwartungsgemäß deutlich unterlegen war. Zwar unterstützte die Stadt New York die Anwohner mit fast 500 Mill. Dollar, doch am Ende balgten sich Metlife zufolge etwa 100 potenzielle Investoren um das begehrte Areal im Osten Manhattans.

1943 für Veteranen des zweiten Weltkriegs geplant und errichtet, ist Stuyvesant Town bis heute eine der letzten Refugien für die untere New Yorker Mittelschicht. Polizisten, Lehrer und Krankenschwestern finden dort ein bezahlbares Appartment, weil sich Metlife einst verpflichtet hat, die Mieten nicht den Marktpreisen anzupassen. Der neue Eigentümer Jerry I . Speyer mühte sich zwar bei Veröffentlichung des Deals, die Anwohner bei Laune zu halten und hieß alle Mieter "willkommen". Er sprach aber auch wolkig über "verschiedene Optionen" - für all jene Wohneinheiten, in denen die Mieterschaft wechselt. Immobilienexperten sehen nur dann einen Sinn in dem Milliarden-Deal, wenn Speyer die Mieten nach und nach den aktuellen Marktpreisen in Manhattan anpasst. Die sind bisweilen so hoch wie sein Rockefeller Center. Derzeit sind noch etwa 8 000 Appartments in Stuyvesant Town mietreguliert - eine aus Investorensicht äußerst unbefriedigende Situation, die Metlife Jahrzehnte nach dem Kauf nicht länger dulden wollte. Der Lebensversicherer hat bereits eröffnet, dass in den nächsten beiden Jahren weitere 1 800 Wohnungen aus der Regulierung fallen sollen.

"Das ist ein sehr langfristiges Geschäft", sagte Alexander Goldfarb, Immobilienexperte der Großbank UBS. Der wahre Wert des Deals werde sich erst deutlich später zeigen, in zehn oder 20 Jahren. Die Anwohner fürchten, dass ihre Wohnungen hinter dunkelrotem Backstein dann längst hellen Luxusapartments gewichen sind, für die Speyer als Eigner von Prachtbauten wie dem Rockefeller Center steht. Für sie ist mit dem Verkauf von Stuyvesant Town und des benachbarten Peter Cooper Village eines der letzten Symbol der Mittelklasse dem Kommerz geopfert worden: "Ich denke, wir werden dort bald eine geschlossene Gesellschaft sehen", sagte Stadtrats-Mitglied Daniel R. Garodnick der "New York Times". Er wohnt in Peter Cooper Village und hat mitgeholfen, die Offerte der Mieter auf die Beine zu stellen.

Die Stadt New York indes müht sich, der frustrierten Mittelschicht zügig neue Alternativen aufzuzeigen. US-Medien zufolge soll bereits in den nächsten Tagen ein neues Häuserprojekt im Westen von Queens vorgestellt werden: mit Blick aufs Meer, mit bezahlbaren Mieten - und mit freundlichen Grüßen an die Bewohner von Stuyvesant Town.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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