Längste Hängebrücke
Italien erfüllt sich einen Traum

Sie ist die längste Hängebrücke der Welt und das teuerste Bauprojekt in der Geschichte Italiens: die geplante „Ponte di Messina“ über der Meerenge von Messina ist ein Bauwerk der Superlative und erfüllt einen alten italienischen Traum. Bereits die Römer hatten während der punischen Kriege versucht, die Meerenge zu überbrücken. Zwei Jahrtausende später ist es soweit: Die Städte Villa San Giovanni in Kalabrien und Messina auf Sizilien sollen durch eine imposante Hängebrücke verbunden und damit die Insel endlich ans Festland angebunden werden.

HB MAILAND. „Im kommenden Jahr legen wir den ersten Stein“, hat Infrastrukturminister Pietro Lunardi Mitte Oktober stolz verkündet, nachdem der Auftrag für das Projekt nach jahrelangem Hin und Her schließlich an die Baufirma Impregilo vergeben wurde. Seit den 60-er Jahren haben die Italiener über den Bau der Brücke diskutiert. Die bisherigen Regierungen haben das Projekt jedoch vor allem aus Kostengründen stets vertagt. Der amtierende Premierminister Silvio Berlusconi indes erklärte die Brücke nach Sizilien zum wichtigsten Infrastrukturprojekt seiner Legislaturperiode und setzte den Plan gegen alle Widerstände durch.

Die Regierung erhofft sich durch die bessere Anbindung Siziliens vor allem wirtschaftliche Impulse für den strukturschwachen Süden des Landes. Während alle Waren bisher per Laster und Fähre oder Zug und Fähre nach Sizilien transportiert wurden, soll der Weg von Kalabrien auf die Insel in Zukunft nur wenige Minuten dauern. Insgesamt 3,9 Milliarden Euro soll allein die Brücke kosten, weitere zwei Milliarden werden voraussichtlich für die Zufahrtsanlagen anfallen. Über Mautgebühren hofft die Regierung, zumindest einen Teil der Kosten einzufahren. Zudem soll das Projekt insgesamt 40 000 Arbeitsplätze während der Bauzeit schaffen – in einer Region, in der die Arbeitslosenquote noch nie einstellig war.

Mit einer Länge von 3 300 Metern wird die Ponte di Messina drei Mal so lang wie die Golden Gate Bridge in San Francisco und fast doppelt so lang wie die Akashi-Brücke im japanischen Kobe, die mit ihren fast zwei Kilometern Länge bisher den Weltrekord der Hängebrücken hält. Auf mehr als 60 Metern Breite sollen zwei Zuggleise, sechs Fahrbahnen und zwei Rettungsspuren Platz finden. Die beiden Türme, die die Brücke halten sind mit 383 Metern höher als der Eiffelturm.

Weil die Region stark erdbebengefährdet ist, entschieden sich die Planer für die Hängeversion. Nach Angaben der Architekten ist die Brücke so konstruiert, dass sie ein Erdbeben der Stärke 7,1 auf der Richterskala unbeschadet übersteht. Selbst die Explosion einer Atombombe in 500 Metern Entfernung soll ihr nichts anhaben können. Und auch ein Sturm mit Windgeschwindigkeit von mehr als 200 Stundenkilometern soll das Bauwerk nur leicht zum Schwanken bringen.

Doch das Mammut-Projekt hat nicht nur Befürworter in Italien. Umweltschützer warnen vor der Zerstörung der Landschaft und weisen auf die Gefahr für Zugvögel hin. Die Opposition im italienischen Parlament sieht die hohen Kosten nicht gerechtfertigt und erwägt im Falle eines Wahlsiegs bei den Parlamentswahlen im kommenden April gar den Stopp des Projektes. Und auch in der Bevölkerung gibt es Widerstände: Sowohl in Kalabrien als auch auf Sizilien haben sich Bürgerbewegungen gegen den Brückenbau formiert.

Kritisiert wird zudem die Vergabe der Aufträge. So hat der Zuschlag an Impregilo die Beobachter überrascht, da das Unternehmen noch vor einem Jahr als insolvenzgefährdet galt. Auch Minister Lunardi, der selbst aus der Bauindustrie kommt, wird mangelnde Unabhängigkeit nachgesagt. Die Zweifel richten sich dabei weniger gegen den Hauptvertragspartner Impregilo, der mit einem internationalen Konsortium antritt. Die Stahlkonstruktion etwa will die Bietergruppe in Japan von IHI bauen lassen, die bereits die Akashi-Brücke in Kobe errichtete. Ernsthafte Bedenken machen Beobachter – auch von offizieller Seite – hinsichtlich beauftragter Sub-Unternehmen geltend. So warnte die DIA (Divisione investigativa antimafia), die staatliche Antimafia-Behörde, jüngst das Innenministerium, dass die organisierte Kriminalität das Projekt bereits infiltriert habe. Sowohl die sizilianische Mafia als auch die kalabrische Version, die ’Ndrangheta, hätten sich bereits seit Jahren auf das größte Bauprojekt der italienischen Geschichte vorbereitet. Nach alten Sagen sollen in der Straße von Messina einst die Meeresungeheuer Scylla und Charybdis zahllose Seeleute überfallen und verschlungen haben. Nun drohen die beiden Mafia-Organisationen das Prestigeobjekt des Südens zu verschlingen.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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