Leerstand-Rekord
Salzgitter – eine Geisterstadt in Niedersachsen?

Erst fielen zahlreiche Arbeitsplätz weg, dann kämpfte Salzgitter gegen den Niedergang. Nun wehrt sich die Stadt gegen den Leerstand. Die Mittel sind begrenzt – und es gibt Grund für eine neue Zuversicht.

SalzgitterDie schwere Holztür steht weit offen. Ein paar zurechtgeschnittene Pappkartons ersetzen die ausgeschlagenen Glasscheiben in der Tür. An den Klingelschildern stehen schon längst keine Namen mehr. Im Flur riecht es modrig, Bauschutt und dicker Staub liegen auf dem dreckigen Boden, Putz bröckelt von den Decken, dazu ist es bitterkalt. Das Haus mit der schweren Holztür in der Brunhildenstraße in Salzgitter steht schon lange leer.

Es gibt viele solcher Häuser in dieser Stadt. Man erkennt sie an schräg herunterhängenden Gardinen oder verdorbenen Blumen im Wohnzimmer. Sie sind stark sanierungsbedürftig und deshalb nicht attraktiv. Kaum jemand will hier wohnen. Ein schön eingerichtetes Fenster bleibt die Ausnahme in dieser Straße im Süden der Stadt.

Während in zahlreichen anderen Städten in Deutschland die Mietpreise in die Höhe schießen und Wohnraum knapp ist, hat Salzgitter ein echtes Leerstandsproblem. Keine andere Stadt in Deutschland hat laut dem Immobilienunternehmen CBRE mit so hohen Leerständen zu kämpfen wie Salzgitter. Jede zehnte Wohnung steht leer – in Niedersachsen ist es im Schnitt jede Dreißigste. Dabei sind die Mieten vergleichsweise gering: Die Angebotsmiete in Salzgitter beträgt lediglich rund fünf Euro.

Immobilienleerstände in Salzgitter

2011-2014
Angaben in Prozent

Doch auf der Siegfriedstraße, einer Parallelstraße, ein ähnliches Bild. Zwei lila Gartenstühle aus Plastik liegen im Vorgarten, Gras wuchert aus dem Boden. Auch in diesem Haus stehen alle vier Wohnungen leer. Der Kiosk an der Straßenecke hat seine schweren Rollläden herunter gelassen. Die Gegend wirkt gespenstisch.

In den vergangenen Jahren hat die Stadt, ein altindustrialisierter Standort, Tausende Einwohner verloren (siehe Grafik). Zuletzt rutschte sie unter die Marke von 100.000 Einwohnern, galt in der Folge nicht mehr als Großstadt.

Ausschlaggebend war allen voran der Strukturwandel in der Bergbau- und Montanindustrie. Der drittgrößte Industriestandort in Niedersachsen – immerhin betreiben neben der Salzgitter AG auch Volkswagen, MAN und Alstom dort Niederlassungen – verlor zuletzt massiv an Bedeutung. Die Arbeitslosenquote liegt mit zehn Prozent deutlich über dem Landesdurchschnitt.

Bevölkerungsentwicklung für Salzgitter

1996-2014
Angaben als absolute Zahlen

Arbeitslosenquote in Salzgitter im Vergleich zum Durchschnitt in Niedersachsen

2010-2016
Angaben in Prozent jeweils zum 1. Januar

Zahlreiche Arbeitsplätze in der Industrie fielen weg, immer mehr Einwohner zog es aus der Stadt. Die Folgen sieht man auf dem Wohnungsmarkt. „Das sind brutale Veränderungen, die man auch in einigen Kernstädten des Ruhrgebiets beobachten konnte“, sagt Michael Schlatterer von CBRE. Er verweist auf Duisburg: Dort lebten im Jahre 1990 noch 535.000 Menschen, im vergangenen Jahr nur noch rund 485.000.

Ein weiteres Problem: Einige Wohnhäuser sind mittlerweile nicht mehr zeitgemäß. Viele Häuser verkaufte die Stadt vor Jahrzehnten an Hedgefonds, die kaum in den Bestand investierten. „Da wurde nicht Immobilienwirtschaft betrieben, sondern Geldanlage“, sagt Oberbürgermeister Frank Klingebiel (CDU) rückblickend. Besonders hart trifft Salzgitter aber der demografische Wandel. Es kommen zu wenig Kinder zur Welt. Im Verhältnis dazu sterben zu viele. Außerdem fehlt gerade jungen Leuten oft die berufliche Perspektive – zwischen 1996 und 2012 verließen stets mehr Menschen die Stadt als Leute kamen.

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Salzgitter – eine Geisterstadt in Niedersachsen?

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Die Stadt blickt nach vorn

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