Mangelware Wohnung
Furcht vor neuer Wohnungsnot

Laut Statistischem Bundesamt wurden im vergangenen Jahr 175 900 Wohnungen fertiggestellt - so wenig wie noch nie nach dem Krieg. Wohnungsverbände und Mieterbund fürchten, dass bald wieder Zustände wie vor 20 Jahren herrschen werden. Zu jener Zeit glich es zumeist einem Glückspiel, eine gut gelegene und preiswerte Mietwohnung zu ergattern.

DÜSSELDORF/BERLIN. In langen Schlangen warten Interessenten in den Hausfluren, zahlen horrende Abstandssummen, um als Nachmieter akzeptiert zu werden oder vereinfachen das Verfahren, indem sie kurzerhand dem Makler den ein oder anderen Geldschein zustecken. Ende der 1980er-Jahre war das gang und gäbe auf dem deutschen Wohnungsmarkt. Im Verlauf der 1990er-Jahre entspannte sich die Lage dann zusehends, denn überall drehten sich die Baukräne.

Doch nun ist wieder alles anders. Und wie damals werde es an preiswertem Wohnraum fehlen, warnt der GDW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen und hat dabei die in der Rezession sinkende Kaufkraft der Bevölkerung im Blick. "In den Wachstumsregionen steuern wir auf eine neue Wohnungsnot zu", sagt Reiner Braun, Vorstand des Forschungsinstituts Empirica. Diese gibt es längst nicht mehr nur im Westen. "In Jena herrscht schon heute Wohnungsnot. Selbst die Plattenbauten am Stadtrand sind voll", sagt Braun und zählt Dresden, Leipzig und Erfurt als Zuzugsregionen im Osten auf, die auf Engpässe zusteuern.

Dass in den wachstumsschwachen Gebieten Südniedersachsen, Nordhessen, Ruhrgebiet und Nordostbayer wie mancherorts im Osten Wohnungen leer stehen, löst das Problem nicht. Und mit höheren Neubauinvestitionen ist vorläufig auch nicht zu rechnen. Eine Branchenumfrage des Immobiliendienstleisters Aengevelt ergab: Nur fünf Prozent der Befragten können sich vorstellen, dass mehr in einfachen Wohnraum investiert wird, neun Prozent erwarten dies für mittlere Wohnlagen und selbst für gute Lagen wird nur mit 30 Prozent Plus gerechnet.

Um zu verdeutlichen, wie groß die Differenz zwischen Nachfrage und Angebot ist und wie dringend der Staat etwas gegen eine neue Wohnungsnot tun müsste, verweist der BFW nur zu gerne auf die jüngste Bedarfsstudie der Marktforscher des Eduard-Pestel-Instituts. Das prognostiziert bis zum Jahr 2025 einen jährlichen Neubaubedarf von 400 000 Wohnungen, Reiner Braun vom Wettbewerber Empirica setzt die Obergrenze um 100 000 Einheiten jährlich niedriger an. Doch selbst die offizielle Schätzung des Bundesamtes für Bauwesen, das den Bau von jährlich 220 000 neuen Wohnungen für ausreichend hält, ist von der Realität weit entfernt.

Dabei müssen Prognosen des künftigen Wohnraumbedarfs nicht nur quantitative, sondern auch qualitative Aspekte berücksichtigen. Zwar geht die elften koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2005, auf der alle Voraussagen basieren, davon aus, dass die Bevölkerung in Deutschland abnehmen wird, selbst wenn im einzelnen die Annahmen über die Höhe der Wanderungsgewinne (Zuwanderungen größer als Abwanderungen), die Geburtenhäufigkeit und die Lebenserwartungen variieren. So geht das Pestel-Institut davon aus, dass Deutschland im Jahr 2025 rund 2,9 Millionen Einwohner weniger haben wird als heute. Doch maßgeblich für den Wohnungsbedarf ist nicht die Zahl der Menschen, sondern die der Haushalte. Die wird Pestel zufolge zu diesem Zeitpunkt noch um 0,5 Prozent über dem aktuellen Wert liegen.

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