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Zukunftsfähigkeit von Wohnungen: Abreißen statt sanieren?

Wohnungsabriss war in Deutschland bisher ein Thema der neuen Bundesländer. Doch nach Einschätzung von Experten sollten die Abrissbagger nun auch in Westdeutschland auffahren – allerdings nicht, weil die Wohnungen nicht mehr benötigt werden, sondern weil sie den heutigen Anforderungen nicht mehr genügen.

von Christian Hunziker
Abriss verhindert: Das "Buntes Haus" in Darmstadt ist ein Beispiel für eine erfolgreiche Wohngebäudesanierung. Quelle: Pressebild
Abriss verhindert: Das "Buntes Haus" in Darmstadt ist ein Beispiel für eine erfolgreiche Wohngebäudesanierung. Quelle: Pressebild

BERLIN. „Passen die Wohnungen der Vergangenheit zu den heutigen Lebensstilen?“, fragt etwa Matthias Günther, Vorstand des Eduard Pestel Instituts in Hannover. „Und falls nicht, lassen sie sich mit vertretbarem Aufwand den heutigen Anforderungen anpassen?“ Bei etwa 20 Prozent der zwischen 1949 und 1978 errichteten Wohnungen (das entspricht vier Mio. Einheiten) laute die Antwort nein, heißt es in einer Studie des Pestel-Instituts, das sich bei dieser These auf eine nicht repräsentative Umfrage unter Marktkennern beruft. Günther folgert daraus, dass in Deutschland jährlich rund 175 000 Wohneinheiten abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden müssten.

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„Der Abriss überalteter Bausubstanz und die Bebauung mit neuen, zukunftsgerechten Wohnungen ist das Lösungskonzept für die Zukunft“, sagt auch Hans Georg Leuck, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Mauerwerksbau. Das gelte insbesondere deshalb, weil Nachkriegsbauten – wenn überhaupt – nur mit hohem Aufwand auf heutigen energetischen Standard gebracht werden könnten.

Das bestreiten Energiefachleute. „Gerade bei Wohnbauten aus den fünfziger und sechziger Jahren ist die energetische Sanierung besonders unkompliziert“, sagt Mareike Soder von dem vom Land Baden-Württemberg getragenen Programm „Zukunft Altbau“. Denn bei Zeilenbauten ohne Balkon könne man leicht eine Dämmung anbringen. Durch diese und weitere Maßnahmen lässt sich bei Nachkriegsbauten der energetische Neubaustandard um 30 bis 50 Prozent unterschreiten, wie die Deutsche Energie-Agentur (dena) in ihrem Modellvorhaben „Niedrigenergiehaus im Bestand“ nachgewiesen hat.

Dennoch spricht sich auch Marie-Therese Krings-Heckemeier, Vorstandsvorsitzende des Beratungsunternehmens Empirica, für den Ersatz von Nachkriegswohnungen aus. „Sie sind weder familien- noch altenfreundlich“, argumentiert sie. An guten Standorten rechne es sich, nicht zukunftsfähige Gebäude abzureißen, an ihrer Stelle zum Beispiel Einfamilienhäuser neu zu errichten und auf diese Weise dem ganzen Quartier positive Impulse zu geben.

Über den Abriss eines 1964 errichteten Hochhauses mit 254 Wohnungen in Darmstadt dachte vor einigen Jahren auch die GWH Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft Hessen nach – nicht zuletzt deswegen, weil sich das Objekt zu einem sozialen Brennpunkt zu entwickeln drohte. Letztlich entschloss sich das Unternehmen jedoch zur Sanierung. Heute ist das Haus fast voll vermietet. Allerdings haben die Nachkriegswohnungen nach Einschätzung von Peter Eckstein, Leiter Bestandsgruppe bei der GWH, durchaus Schwächen. So klagten Mieter oft über fehlenden Schallschutz, und die Grundrisse der meist kleinen Wohnungen seien tatsächlich nicht mehr familiengerecht. Dafür seien Drei-Zimmer-Wohnungen aus den fünfziger Jahren heute für Singles attraktiv.

„Die Wohnbedürfnisse haben sich gewandelt“, bestätigt Jens Duffner, Pressesprecher der Nassauischen Heimstätte in Frankfurt am Main. Heute würden beispielsweise großzügigere Kinderzimmer oder offene Küchen nachgefragt. Auf der anderen Seite hätten die Nachkriegswohnungen einen Vorteil: Sie seien unverzichtbar „für die große Gruppe von Menschen, die sich neue, modern geschnittene Wohnungen nicht leisten können“.

Dieser soziale Aspekt ist auch den Abrissbefürwortern nicht entgangen. Sie wollen deshalb den Staat in die Pflicht nehmen: Die derzeit auf die Sanierung des Bestands ausgerichtete Förderpolitik, sagt Alexander Rychter, Bundesgeschäftsführer des BFW Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen, müsse auf den Ersatzneubau ausgeweitet werden.

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