Neuer Wolkenkratzer
Die Himmelsscherbe von London

Renzo Pianos neuestes Werk kostet 1,5 Milliarden Pfund und sticht kühn in den Londoner Himmel. Europas zweithöchster Wolkenkratzer ist ein Wunderwerk an Technik und Architektur. Warum er dennoch in der Kritik steht.
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LondonFür einen Star in seiner Branche klingt der Mann erstaunlich kleinlaut: „In meinem Beruf braucht man Vertrauen“, sagt Renzo Piano leise und fast flehend, „und ein wenig Liebe.“ Der Architekt, der seine Karriere mit dem Bau des Centre Pompidou in Paris begann, von dem der Masterplan für den Potsdamer Platz in Berlin stammt, hat jetzt den höchsten Wolkenkratzer Westeuropas vollendet. Wegen seiner scharfkantigen Spitze in knapp 310 Metern Höhe hat das Gebäude den Spitznamen „Shard“ (Glasscherbe).

Am heutigen Donnerstag wird das Gebäude offiziell eingeweiht. Bereits gestern stellte sich Piano den Fragen der Journalisten und warb um Akzeptanz für seinen eigenwilligen, unter Londonern sehr umstrittenen Wolkenkratzer. Es brauche Zeit, bis man gute Architektur erkenne und sie zu schätzen lerne. Das Hochhaus sei kein Symbol für Macht, wie viele behaupten. „Es ist glitzernd und flirtend – wie ein Kaleidoskop, in dem sich London widerspiegelt“, sagt Piano.

In diesen Tagen glitzert allerdings wenig. Es spiegeln sich nur die dunklen Wolken in dem gläsernen Turm mit seinen 72 Stockwerken. Er steht eingekeilt zwischen dem Großbahnhof „London Bridge“ mit seinen Eisenbahn-, U-Bahn- und Buslinien, zwischen gesichtslosen Verkehrsschneisen und alten Zweckbauten am südlichen Themse-Ufer. Der Platz vor dem „Shard“ ist eher knapp, er reicht nicht aus, um bis zur Spitze hinauf schauen zu können.

Dafür sticht das 1,5 Milliarden Pfund teure Projekt aber von fast überall sonst in London ins Auge und bringt das Blut der sonst eher unterkühlten Engländer in Wallung. „Unnötiger Ausdruck von Größenwahnsinn“, schimpft Jake Simmons, ein IT-Experte, der in der Nähe arbeitet. „Totale Geldverschwendung, ein Angeberprojekt als längst vergangenen Zeiten“, schimpft seine Kollegin.

Auch Experten sind bislang unbeeindruckt. Als „architektonisches Blendwerk“ und das „Gegenteil von nachhaltig“ bezeichnete Architekt Ken Shuttleworth das Gebäude. Der US-amerikanische Kolumnist und Kulturkritiker Christopher Caldwell fragte: „Wer braucht den Shard, wenn man Shakespeare hat?“. Und für andere Kritiker und Architekturexperten ist der Bau der Glasscherbe ein erneuter Beleg für das chaotische und konzeptlose Planungssystem der britischen Hauptstadt, in der nur das schnelle Geld zähle, aber nicht die Ästhetik.

Entstanden ist die Idee für die Scherbe vor etwa zwölf Jahren. Der Immobilienentwickler Irvine Sellar, einer der wichtigen Investoren und Ideengeber in der britischen Baubranche, kauft das Grundstück und trifft sich auf Empfehlung eines Freundes mit Stararchitekt Renzo Piano. Sellar schlägt ihm den gemeinsamen Bau eines Wolkenkratzers vor, um die vergleichsweise kleine Grundfläche optimal zu nutzen.

Piano habe zunächst nichts davon gehalten. Hochhäuser seien zu abweisend, wirkten zu arrogant. So erzählt es Sellar Jahre später in einem Gespräch mit Journalisten. Doch dann habe sich Piano die Speisekarte geschnappt und auf die Rückseite einen filigranen, sich nach oben hin verjüngenden Turm gezeichnet. Und dies mit den Worten kommentiert: So könne es gehen.

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