Optimistische Anleger treiben die Preise für Bürogebäude hoch – Mieten verharren auf hohem Niveau
London schlägt alle Rekorde in Europa

So etwas kommt selbst in London nicht jeden Tag vor. Neulich kaufte ein Privatinvestor ein unscheinbares Backsteinhaus im trendigen Stadtteil Mayfair – für satte 15 600 Pfund pro Quadratmeter. Der künftige Hausherr, ein irischer Pub-Besitzer, kann sein Haus in 35 Curzon Street nun mit gutem Recht als die teuerste Gewerbeimmobilie der britischen Hauptstadt bezeichnen.

HB LONDON. Der Kauf verdeutlicht mehr als nur die Tatsache, dass Iren verstärkt in ausländische Märkte vordringen. Er zeigt, dass es bei den gewerblichen Immobilien in London nach schwierigen Jahren wieder aufwärts geht. Zwar stagniert der private Hauskauf in Großbritannien nach fünf Zinserhöhungen in kurzer Folge, doch dafür stehen nun die gewerblichen Immobilien im Fokus: „Es herrscht großer Optimismus“, stellt Archie Cowan vom Immobilienmakler Atisreal fest – wenn auch vornehmlich unter den Vermietern. Dabei lassen die Zahlen selbst keine Euphorie aufkommen: Nach Schätzungen der Immobilienberatungsfirma CB Richard Ellis sind die Renditen aller Immobilienklassen im Vergleich zum Vorjahr im Schnitt leicht auf sechs Prozent gefallen. Zudem zogen die Mieten zuletzt kaum noch an – im Zentrum Londons gingen sie sogar etwas zurück –, was aber nichts daran ändert, dass London das teuerste Pflaster in Europa ist. „Der Markt ist okay, aber er reißt nicht zu Begeisterungsstürmen hin“, konstatiert Andrew Thomas, Investmentchef des Immobilienmaklers Cushman & Wakefield Healey & Baker im Londoner Westend.

Doch der Markt lebt vom optimistischen Blick in die Zukunft. „Die Erwartungen, dass der Markt schon bald wieder floriert, haben sich schlagartig erhöht“, sagt Thomas. Die Hoffnung ist gerade im Westend hoch – der traditionellen Heimat von Hedge-Fonds und institutionellen Investoren. Der Sommer ließ wenige Wünsche offen: Sieben Mieter, darunter der europäische Ableger der amerikanischen Suchmaschine Google, belegten jeweils mehr als 2 700 Quadratmeter. Die Leerstandsrate schätzen Immobilienmarktanalysten jetzt auf sieben bis acht Prozent. Im so genannten Kerngebiet W1 und SW1 liegt sie noch darunter. Experten wissen, dass in London Leerstände bei einer Rate von fünf Prozent so gut wie nicht mehr existieren. Im Westend geht man davon aus, dass diese Marke schon im nächsten Quartal erreicht werden kann.

Der Optimismus hat mehrere Gründe: Zwar erwartet Großbritannien nach Jahren des überdurchschnittlichen Wachstums geringere Zuwachsraten seines Bruttoinlandsprodukts als bisher. Doch der Immobilienmarkt London funktioniert aber anders. Die Stadt hat sich zu einem globalen Dorf entwickelt. Vor allem Kreditinstitute und Fonds treiben die Nachfrage nach Büroräumen. Und sie gehen von solidem Wachstum aus. Der Hintergrund: Zurzeit ziehen viele Firmen nach London, weil sie Aufträge aus China und dem Raum Asien-Pazifik erwarten, also jenen Regionen, in denen die Wirtschaft floriert.

Dazu kommt, dass das Angebot an neuen Häusern fehlt. Zwar interessieren sich arabische, irische und russische Investoren ebenso wie deutsche geschlossene Immobilienfonds weiter für die äußerst vermieterfreundliche britische Hauptstadt. Doch es gibt kaum Neubauten. Jones Lang Lasalle verzeichnet ein Minus von zehn Prozent bei neuen Projekten im Theaterbezirk. Spekulative Bauten – also Häuser, die vor der Fertigstellung noch keine Mieter haben – kamen im dritten Quartal überhaupt nicht mehr an den Markt.

In der City und Canary Wharf ging das Angebot weiter zurück. Hier stehen jedoch noch immer deutlich mehr Bürogebäude leer als im Westend. Die Schwäche hat einen Grund: Die Hausbesitzer leiden noch immer unter der Bauspekulation Anfang des Jahrhunderts. Damals zog die Aktienblase Bauinvestoren in Scharen an. Sie bauten für neu gegründete Unternehmen und schnell expandierende Börsen-Überflieger. Doch mit dem Absturz der Börsen stürzte auch der Büroflächenbedarf ab. In der anschließenden Schwächephase mussten diese Investoren mit ansehen, wie ihre Bauten gleich reihenweise leer standen. Doch weil auch hier so gut wie keine neuen Häuser dazu kommen, rechnen die Atisreal-Experten damit, „dass sich die Verhandlungsposition der Vermieter in nächster Zeit deutlich verbessert“.

Hoffnung gibt es damit sogar für das lange Zeit vom Pech verfolgte Prestigeprojekt der Versicherung Schweizer Rück. Die mitten in der Krise erbaute stählerne „Gurke“ des Star-Architekten Norman Foster stand seit ihrer Fertigstellung im vergangenen Jahr stets zu mehr als zwei Dritteln leer. Doch die Zeiten haben sich geändert: Im vergangenen Quartal gewannen die Schweizer gleich vier neue Mieter.

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