Perlen im Norden
Investoren mögen Hannovers Langeweile

Late-Night-Talker Harald Schmidt nannte sie eine "Autobahnabfahrt zwischen Göttingen und Walsrode". Für andere ist Hannover schlicht "die langweiligste Stadt Deutschlands". Immobilienprofis sehen das allerdings ganz anders.
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HANNOVER. "Wir finden Hannover absolut spannend", sagt René Ravn, Vorstandschef des Hamburger Immobilieninvestors Herkules Grundbesitz. Er würde gern noch mehr in Hannover investieren. Der Grund: Der Immobilienmarkt in der nach Hamburg und Bremen drittgrößten norddeutschen Stadt gilt als überaus stabil. "Hier würde kaum jemand bauen, ohne schon einen Großteil der Flächen vermietet zu haben", sagt Mark Ennis, der beim zweitgrößten deutschen Wohnungsunternehmen Deutsche Annington für Akquisitionen zuständig ist. Daher gebe es auch keine großen Ausschläge auf dem Investmentmarkt.

Die Risikoscheu der Hannoveraner mag mit verantwortlich dafür sein, dass man seit mehr als zehn Jahren auf den Umbau des Kröpcke-Centers in der Innenstadt wartet. Der Betonklotz aus den 1970erJahren galt als Hemmschuh für die weitere positive Entwicklung des Hannoveraner Einzelhandels. Der Projektentwickler Centrum aus Düsseldorf investiert hier fast 200 Mio. Euro. 2011 soll das Gebäude mit 19 000 Quadratmetern (qm) Einzelhandelsfläche zum neuen Shoppingmagneten werden.

Auch Boris Wachter von Kemper's Jones Lang Lasalle (JLL) bescheinigt dem Einzelhandelsstandort Hannover großes Potential. "Gleich mehrere Projektentwicklungen sorgen für wachsende Attraktivität der Innenstadt." So seien die Mieten in den Toplagen seit 2004 um rund ein Fünftel gestiegen - auf bis zu 180 Euro/qm. Laut Maklerunternehmen Engel & Völkers hat Hannover seine Position als Einkaufsmetropole des Nordwestens gestärkt: Projekte wie das 30 000 qm große Shoppingcenter am Hauptbahnhof zeigten, dass sich die Innenstadt im Aufbruch befinde.

Die Kehrseite: Die längst überfällige Sanierung und der Umbau des fast 40 Jahre alten Ihme-Zentrums unweit der City wird durch die neue Konkurrenz nicht einfacher. Nachdem die Landesbank Berlin (LBB) Investor Carlyle Anfang des Jahres den Geldhahn zudrehte, ist die Zukunft des Sorgenkinds völlig ungewiss.

Vergleichsweise ruhig geht es auf dem Büromarkt zu, der sich auf die Lagen um Schloss, City, Flughafen und Expo-Plaza konzentriert. Einzige Überraschung war zuletzt das Ergebnis einer Flächenzählung des Analysehauses Bulwien Gesa: Mit rund 4,5 Mio. qm gibt es etwa 800 000 Büroquadratmeter mehr als bisher angenommen. Damit liegt die Messestadt deutlich vor Bremen und Dortmund. Ansonsten gibt es wenig Neues: 2009 dürfte der Flächenabsatz bei 135 000 qm auf Vorjahresniveau liegen. Spitzen- und Durchschnittsmieten für Büros in der City bleiben mit 12,50 Euro/qm und 9,40 Euro/qm konstant, auch der Leerstand stagniert bei fünf Prozent. "Das macht die gesunde Mischung aus Versicherungskonzernen, Wirtschaftsprüfern, Rechtsanwälten, Steuerberatern und IT-Dienstleistern", begründet Jörg Henschel, Inhaber des Maklerunternehmens Henschel Immobilien, den ruhigen Geschäftsverlauf. Er hat gerade an das Versicherungsunternehmen HDI-Gerling 3 000 qm Fläche vermietet. Auch der Büroneubau "Torhaus am Aegi" mit einer Gesamtfläche von 7 600 qm ist belegt.

Für den Industriestandort Hannover stehen Namen wie Continental, VW-Nutzfahrzeuge, Wabco, Bahlsen - sie haben hier ihre Firmenzentralen. Das erklärt die starke Nachfrage nach Lager- und Logistikflächen: "Wir sind nach Hamburg das größte Logistikdrehkreuz in Norddeutschland", sagt Georg Martensen, Wirtschaftsdezernent der Region. Im ersten Halbjahr 2009 wurden trotz der Krise noch 80 000 qm Lagerhallen umgesetzt, etwas weniger als im Vorjahr. Martensen: "Fertig erschlossene Flächen in kommunalem Besitz ab fünf Hektar sind aber zurzeit vergriffen." Insgesamt habe die Region 380 Hektar Logistikfläche. Etwa 70 Hektar in kleinen Parzellen sind davon sofort verfügbar. Martensen: "Wir entwickeln derzeit zügig weitere Flächen, um gerüstet zu sein, wenn der Markt wieder anspringt."

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