Prestigebahnhof
Milliardenprojekt „Stuttgart 21“ auf Abstellgleis

Aus rechtlicher Sicht sind die Weichen für „Stuttgart 21“ gestellt: Alle erforderlichen Genehmigungen für das Stadtentwicklungsprojekt liegen vor, die Pläne wären längst bereit für die Umsetzung. Doch der Start des neuen Bahnhofs lässt immer noch auf sich warten. Die Landeshauptstadt scheint ihre "Jahrhundertchance" zu verspielen.
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STUTTGART. „Das teuerste Loch der Stuttgarter Stadtgeschichte“ oder „Maulwurfs-Bahnhof“ wird es spöttisch genannt, das Milliardenprojekt „Stuttgart 21“. Seit 15 Jahren wird geplant, nun liegen der Deutschen Bahn alle erforderlichen Genehmigungen vor. Eigentlich könnte man mit dem Bau des unterirdischen Prestigebahnhofs umgehend beginnen. Doch zögern noch immer alle Seiten, die Beschlüsse tatsächlich umzusetzen.

Dabei soll das Großprojekt den Bahnverkehr in der baden-württembergischen Landeshauptstadt fit machen für das 21. Jahrhundert: Der heutige Kopfbahnhofs wird abgerissen und unter die Erde verlegt; ein zehn Kilometer langer Tunnel wird die Innenstadt mit dem Flughafen und der neuen Messe verbinden; 58 Kilometer Neubaustrecke zwischen Wendlingen und Ulm entlang der Autobahn A8 sorgen für schnellere Bahnverbindungen. Und das alles ist nur Teil eines größeren Plans: Auf den durch den Bahnhofsabriss frei werdenden oberirdischen Flächen soll ein neuer Stadtteil entstehen. „Stuttgart braucht Stuttgart 21“, sagt daher Peter Brenner, als Vorstandsvorsitzender der Immobilienwirtschaft Stuttgart (IWS) oberster Wirtschaftsförderer der Stadt. „Jahrhundertchance“ nennt er das Projekt, mit dem die Innenstadt erweitert werde und das überdies ein Konjunkturprogramm für die Region und Baden-Württemberg sei.

Die umfassenden Maßnahmen werden teuer – das ist für niemanden eine Überraschung. Wie viele Milliarden Euro allerdings tatsächlich nötig werden, daran scheiden sich Geister. Die Bahn schätzt die Kosten für den Bau des Tiefbahnhofs und der Tunnels derzeit offiziell auf 3,1 Mrd. Euro. Bahnchef Rüdiger Grube hat jedoch eine Aktualisierung der Kostenschätzungen bis November in Auftrag gegeben.

Der Bundesrechnungshof erwartet unterdessen, dass die Kosten auf mindestens 5,3 Mrd. Euro steigen werden; die Stuttgart-21-Gegner gehen sogar von bis zu 8,7 Mrd. aus und stützen sich dabei auf eine Studie des Münchener Gutachterteams Vieregg & Rößler. „Das Projekt Stuttgart 21 ist nur dann wirtschaftlich, wenn enorme öffentliche Mittel hineingesteckt werden“, kritisiert Klaus Arnoldi, Mitglied im baden-württembergischen Landesvorstand des Verkehrsclub Deutschland (VCD).

Die Kostendiskussion hat die Zahl der Gegner in Stuttgart kontinuierlich steigen lassen. Inzwischen haben 47 Prozent der Stuttgarter eine „schlechte bis sehr schlechte Meinung“ von dem Vorhaben, hieß es Anfang August in einer Studie. Nur noch rund 30 Prozent befürworten demnach das Projekt. Deshalb rechnen viele Beobachter damit, dass nach der Bundestagswahl die Karten neu gemischt werden könnten. Bahnchef Grube hat sich in einem Interview mit dem „Spiegel“ schon eine Hintertür zum Ausstieg offengelassen: „Das Projekt ist nicht darstellbar, wenn beispielsweise für den Bahnhof plus die Risikokosten mehr als 4,5 Mrd. Euro anfallen würden“, sagte er dem Nachrichtenmagazin. „Die Verträge sind so angelegt, dass wir bis Ende des Jahres kündigen können.“

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