Regierung lockt Eigenheimbesitzer
Italien erleichtert den Abriss alter Häuser

Italiens Immobilienbranche kann sich freuen. Die Regierung von Silvio Berlusconi will den privaten Bau fördern. Hausbesitzer sollen ihr Eigenheim großzügig ausbauen dürfen, ältere Häuser dürfen künftig leichter abgerissen und neu gebaut werden. Einen entsprechenden Erlass zum „Piano Casa“ hat die Regierung am vergangenen Donnerstag beschlossen.

MAILAND. Das Programm soll Milliarden in den Immobilienmarkt spülen: „Wir schätzen, dass dank des Piano Casa in den kommenden Jahren 35 bis 40 Milliarden Euro zusätzlich in den Markt fließen“, rechnet Claudio De Abertis, der Präsident des Bauunternehmer-Verbandes ANCE vor. Angesichts eines jährlichen Umsatzes der Branche von rund 150 Mrd. Euro entspricht das einem Plus von fast zehn Prozent. Eine Nachricht, über die sich die Branche freuen dürfte. Ursprünglich hatte der Verband mit einem Rückgang von sieben Prozent für die Branche gerechnet.

De Abertis, dessen Familie das große Bauunternehmen Borio Mangiarotti gehört, geht davon aus, dass von den Maßnahmen vor allem die kleineren Firmen profitieren werden. „In der Bevölkerung ist das Vorhaben mit unglaublichem Enthusiasmus aufgenommen worden“, sagt er, „aber die großen Akteure werden davon weniger haben“. Schließlich erlaubt der Plan der Regierung vor allem Besitzern von Ein- und Zweifamilienhäusern, diese um rund 20 Prozent auszubauen. Und die Eigenheimbesitzer, so die Prognose, werden sich eher an kleine Anbieter wenden oder gleich auf die Hilfe eigener Familienmitglieder zurückgreifen. Aber auch größere und ältere Wohnimmobilien sollen leichter abgerissen werden können: Wenn dafür ähnlich große, moderne und vor allem ökologisch und energetisch effizientere Gebäude neu errichtet werden.

Auf den ersten Blick mag es widersprüchlich erscheinen, dass Rom die von einer Immobilienkrise ausgelöste Finanzkrise gerade mit Immobilien bekämpfen will. „Aber der Plan hat durchaus seine Logik“, sagt der Chefökonom der Bank Intesa Sanpaolo Gregorio de Felice. „Denn so werden private Gelder freigesetzt, ohne dass der Staat Mittel zuschießen muss, die er nicht hat“, kommentiert der Wirtschaftsfachmann die Pläne der Regierung.

Italien hat zwar eine extrem hohe Staatsverschuldung, aber privat sparen die Italiener wie kaum ein anderes Land: Laut Statistik-Institut Eurispes legten Italiens Familien im Jahr 2007 etwa 12,4 Prozent ihres Einkommens auf die hohe Kante. In Deutschland, dessen Bürger gemeinhin als besonders sparsam gelten, lag die Quote laut OECD im gleichen Jahr bei 10,7 Prozent. Nach einer Studie der Banca d`Italia auf Basis von Istat und OECD-Daten lag das Vermögen der italienischen Familien im Jahr 2006 bei 807 Prozent eines Jahresbruttoeinkommens, während dieser Wert in Deutschland bei nur 614 Prozent lag.

„Die Regierung will mit dem Plan zwei Probleme auf einmal angehen“, erklärt Gualtiero Tamburini, Präsident des Wirtschafts-Forschungsinstituts Nomisma und Präsident der Assoimmobiliare, dem Verband der Immobiliendienstleister: „Zum einen will die Regierung die strukturellen Defizite – also etwa alte, schlecht isolierte Gebäude – bekämpfen“ sagt er. Nicht zuletzt das Erdbeben in den Abruzzen habe auf tragische Weise gezeigt, dass viele Gebäude veraltet und damit gefährdet seien. „Zum anderen will die Regierung die Konjunktur anzukurbeln“, sagt Tamburini. „In diesen Zeiten horten alle ihr Geld. Da braucht es Anreize, damit die Mittel in Umlauf kommen“.

Was bei Häuslebauern, Ökonomen und Vertretern der Bau- und Immobilienwirtschaft gut ankommt, ruft bereits die Umweltschützer auf den Plan. Damiano Di Simine, Präsident des Umweltschutz-Verbands Legamambiente in der Lombardei, befürwortet zwar die Pläne, alte, ineffiziente Häuser abzureißen und nach neuen Kriterien wieder aufzubauen. Aber er kritisiert den Plan, die Ein- und Zwei-Familienhäusern weiter auszubauen. „Der Plan ist die falsche Antwort auf die richtig erkannten Herausforderungen“, sagt Di Simine. Er fürchtet, dass die Häuser nur noch mehr Zement in das bereits stark zersiedelte Italien bringen. Er drängt auf stärkere Kriterien zur Energieeffizienz, „um auch international wettbewerbsfähig zu sein“.

Angesichts des Erdbebens in den Abruzzen hat die Regierung die bereits vor mehr als sechs Jahren beschlossenen Regeln zum erdbebensicheren Bauen vergangene Woche zusammen mit dem „Piano Casa“ nun auch in Form eines Gesetzes beschlossen.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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