Rumänien
Draculas Schloss zu verkaufen

Es existieren Immobilien und Grundstücke auf dieser Welt, die spuken in den Köpfen herum, aber es gibt sie eigentlich gar nicht. Hitchcocks „Psycho“-Haus gehört dazu. Der Komet des „Kleinen Prinzen“ vielleicht auch, um ein angenehmes Beispiel zu nennen. Die Burg des Grafen Dracula fällt ebenfalls in die Kategorie Luftschlösser. Oder?

BRAN. „Dracula-Schloss zu verkaufen“ titeln rumänische Zeitungen in diesen Tagen. Dominik von Habsburg, so heißt es, Besitzer der „Törzburg“ im kleinen Dörfchen Bran, etwa 160 Kilometer nordwestlich von Bukarest, wolle sein Schlösschen verkaufen. Als Preis für das zugige und nicht allzu große Gemäuer soll er 60 Mill. Euro verlangt haben, was sowieso und in einer Gegend, in der ein Angestellter nicht mehr als 400 Euro im Monat verdient, erst recht eine stolze Summe ist. Es sei ja schließlich die Dracula-Burg, rechtfertigt der Habsburg-Spross seine Preisvorstellung.

Wer sich für die Immobilie interessiert, sollte sie unbedingt besichtigen und die üblichen Kriterien anwenden: Die Erreichbarkeit selbst mit individuellen Verkehrsmitteln ist lausig. Zum nächsten Flughafen, den Schlossherren ansteuern könnten, braucht man drei Stunden. Wenn ein Pferdefuhrwerk auf den Passstraßen vorneweg zuckelt – und das passiert in dieser Gegend oft – dann sind es vier.

Renoviert wurde das Gebäude zuletzt nach dem ersten Weltkrieg, als Rumäniens Königin Maria, die Großmutter Dominiks von Habsburg, hier zur Sommerfrische weilte. Eine Zentralheizung ließ sie nicht einbauen, nur Kamine. Jetzt, im Winter ist es bitterkalt zwischen den dicken Steinmauern. Die Räume sind eher verschachtelt, mit niedrigen Decken. Hübsch, aber für jede Bauaufsicht inakzeptabel, ist eine geheime Treppe, die vom ersten Stock in den dritten führt.

Die Immobilie ist möbliert mit teilweise barocken Möbeln, was nicht jedermanns Geschmack ist. Die Aussicht nach Osten reicht hinaus auf eine weite Ebene, sonst sieht das Auge nur Karpaten. Beschränkt sind auch die Einkaufsmöglichkeiten. Einzig die Budenstadt am Fuße der Burg bietet alles für den kleinen Vampir: Holzpflöcke, Gebisse, Holzhämmer.

Damit nicht genug: Auch die Eigentumsverhältnisse sind umstritten. Der rumänische Staat macht ein Vorkaufsrecht geltend, hat aber kein Geld. Das bedeutet Arbeit für jeden Anwalt.

Bleibt als Begründung für den hohen Preis die Historie. Die allerdings ist erfunden. Der mittelalterliche Fürst Vlad Tepes, der seine Feinde gepfählt haben soll und den der Romancier Bram Stoker für seine „Dracula“-Vorlage wählte, hat hier jedenfalls nie gelebt. Dass er es tat, ist ausgerechnet eine Erfindung der Kommunisten, die ein paar Touristen in das abgelegene Städtchen Bran locken wollten. Die Idee ging zur Überraschung der Dorfbewohner auf, die seither ganz ordentlich an den Busladungen voller Neugieriger verdienen, die am Fuß der Burg ins Freie gelassen werden.

Die Einheimischen unterlassen es deswegen geflissentlich, Besucher darüber aufzuklären, dass die Burg eher Gemeinschaftsgut ist: Sie war ein Werk der freien siebenbürgisch-sächsischen Bürger aus dem benachbarten Kronstadt, erbaut zur Abwehr der Türken. Nach dem ersten Weltkrieg schenkte Kronstadt die Burg der Habsburger-Königin Maria als Dank dafür, dass sie sich um Verwundete gekümmert hatte. Nachdem die Kommunisten die Besitzerfamilie enteignet hatte, wurde die Burg im vergangenen Jahr an den Habsburg-Spross zurückgegeben.

Wer trotz dieser Widrigkeiten Interesse hat, muss sich an Dominik von Habsburg, Beruf Architekt, wohnhaft in New York wenden. Den immerhin gibt es wirklich.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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