Schwieriger Wohnungsmarkt
„Wir müssen hier richtig ackern“

Immobilienpreise klettern ins Unermessliche? Nicht in Pirmasens. Dort steht jede zehnte Wohnung leer, Häuser ab 150.000 Euro gelten als unverkäuflich. Jetzt spricht ein Makler – über eine Stadt, in der kaum jemand leben will.
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PirmasensDer Putz bröckelt von den Hauswänden, die Fußgängerzone ist wie leergefegt, Neubauten sucht man vergeblich. Willkommen im „ Osten vom Westen“ – wie Pirmasens auch genannt wird. Dabei liegt die 40.000-Einwohner Stadt nur 15 Autominuten von der französischen Grenze entfernt. Doch kaum ein anderer Ort in den alten Bundesländern ist so strukturschwach wie das Städtchen im Südwesten von Rheinland-Pfalz. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Einkommen niedrig. In den vergangen vierzig Jahren ist die Einwohnerzahl um ein Drittel gesunken.

Hinterlassen haben die Weggezogenen ihre Wohnungen und Häuser, ihre Geschäfte und Büros. Nachmieter? Fehlanzeige. Rund zehn Prozent der Immobilien in Pirmasens stehen leer. Sie wieder mit Leben zu füllen, ist die Aufgabe von Alexander Schaaf. Er ist Immobilienmakler in Pirmasens. „Ich bin nicht verwöhnt“, sagt er über seinen Job. Hier reißt sich niemand um freie Wohnungen.

Schaaf entspricht so gar nicht dem Klischee des geschniegelten Maklers. Statt Anzug trägt er ein weißes Shirt über der schwarzen Jeans, dazu Turnschuhe. Die braunen Haare sind nicht ordentlich zurückgegelt, sondern fallen locker über die Ohren. „Ich bin kein Büromensch“, sagt er. „Im Büro verdient ein Makler kein Geld.“ Am liebsten ist er unterwegs. Wenn er mit seinen Kunden telefoniert, verfällt er häufig in den Pfälzer Dialekt. Sein ganzes Leben hat der 46-Jährige hier in Pirmasens verbracht. Auch den Wandel von einer der reichsten Städte Deutschlands zum Sorgenkind des Westens hat er miterlebt.

Als Schuhmetropole Deutschlands war Pirmasens einst bekannt. Von hier aus wurden Schuhe in die ganze Welt exportiert. Der Bildungsstand war niedrig, aber die Löhne hoch. Arbeit gab es genug. Doch an diese Zeit erinnert heute nur das Deutsche Schuhmuseum in der Innenstadt. Die großen Fabriken sind längst dort, wo die Arbeitskräfte billig und die Bestimmungen laxer sind: in Osteuropa, China oder Indien.

Von den einst mehr als 300 Betrieben sind nur noch knapp 30 geblieben, von 22.000 Arbeitsplätzen in der Schuhindustrie sind heute noch 1200 übrig – ein großer Teil davon bei den Firmen Peter Kaiser und Kennel und Schmenger. Mit den Fabriken verschwand auch das Geld aus Pirmasens. In der Stadt, die einst die höchste Millionärsdichte Deutschlands besaß, lebt heute jedes dritte Kind unter 15 Jahren unterhalb der Armutsgrenze. In kaum einer anderen Stadt Deutschlands sind die Menschen so hoch verschuldet.

Kommentare zu " Schwieriger Wohnungsmarkt: „Wir müssen hier richtig ackern“"

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  • Hallo Handelsblatt,

    das Deutsche Schuhmuseum befindet sich in Hauenstein, nicht in Pirmasens. Nicht einmal das hat die ehemalige Schuhmetropole hinbekommen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Frank Eschrich, DIE LINKE Pirmasens

  • Ein wirklich interessanter Artikel, der zeigt, dass es in Deutschland noch freie und erstaunlich bezahlbare Wohnungen gibt.
    Was für ein Irrsinn , die Flüchtlinge verstärkt auf die wirtschaftlichen Hotspots zu verteilen, die seit Jahren Probleme haben kostengünstigen Wohnraum zu schaffen!
    Es ist überfällig, die Einquartierung der Flüchtlinge von den Kosten, die der Bundesrepublik entstehen, zu entkoppeln.
    In die schwachen Region flösse Geld und die Regionen ohne Wohnraum bräuchten keine irrwitzigen und überaus teuren Anstrengung unternehmen, um ihre überproportionale Zuteilung an Flüchtlingen irgendwie unterzubringen. Wenn die Leute Deutsch gelernt haben, werden sie von selbst Orte finden, wo sie arbeiten können und das Einkommen zu den Mieten passt. Völlig überhöhte Mietpreise z. B. in München braucht der Staat nicht durch zwangsweise Ansiedlung von Flüchtlingen weiter ankurbeln . Auch für Deutsche erscheint eine Ansiedlung München unwirtschaftlich. Einige Firmen scheinen das auch schon begriffen zu haben, wie man aus der verstärkten Ansiedlung in Berlin schließen kann. Echte Wohnung sind besser als überbelegte Flüchtlingsunterkünfte.

  • Nachtrag:
    Hervorragender Artikel übrigens: ich habe zuerst kommentiert und ihn dann erst gelesen.
    Von der einst goldenen Schuh-Epoche zeugen übrigens auch noch etliche herrliche (und leider nun teilweise verfallende) mondäne Villen in der Stadt. Wer sich sowas für einen fünfstelligen Betrag zulegen möchte, könnte in Pirmasens sehr gute Chancen haben.

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