Steigende Rohstoffpreise
Kein Stroh für englische Dächer

Bauleiter Martin Wilde hat ein Problem. Er soll in Südwestengland ein strohgedecktes Haus aus dem 18. Jahrhundert renovieren. Doch die Arbeiten kommen nicht voran. Schuld daran ist der Boom auf den Rohstoffmärkten, der die Preise für nachwachsende Baumaterialen in die Höhe treibt. Der steigende Strohpreis bringt nicht nur den Bauleiter in die Bredouille.

LONDON. "Es ist ein absoluter Alptraum", sagt Wilde. Fünf Monate hinkt er dem ursprünglichen Zeitplan hinterher. Der Grund: Stroh für Hausdächer ist inzwischen Mangelware. "Keiner dachte zu Beginn der Bauarbeiten daran, dass die Beschaffung von Stroh ein Problem werden könnte", klagt Wilde. Drei Monate lang bemühte sich der Bauleiter erfolglos, die sechs bis sieben Tonnen Rohstoff zu beschaffen, die für die Eindeckung des Daches gebraucht werden, das 2006 kurz vor Weihnachten abgebrannt war. Um es erneuern zu lassen, braucht Wilde Stroh von besonderer Qualität und einheitlicher Farbe. Doch das ist kaum mehr zu bekommen.

Schuld ist der Boom auf dem Rohstoffmarkt. Wegen der gestiegenen Preise für Getreide verzichten immer mehr Landwirte darauf, die für das Stroh benötigte Weizensorte auszusäen, die einen geringen Ertrag an Weizen bringt, dafür aber gut als Baumaterial geeignet ist. Der Grund: Die Landwirte verdienen wesentlich mehr am Weizen als am Stroh. Darum bauen sie lieber ertragreiche Sorten an. Doch deren Halme sind viel kürzer und deshalb zur Dachdeckung nicht geeignet.

Zur Erntesaison 2008 wurden gerade einmal 25 Tonnen Saatgut des langhalmigen, für Dächer geeigneten Maris-Widgeon-Weizens verkauft. 2007 waren es nach Angaben der für Getreideanbau zuständigen britischen Landwirtschaftsbehörde mit 67 Tonnen noch mehr als doppelt so viele. Hinzu kommt, dass England im vergangenen Jahr den regenreichsten Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen erlebte. Dadurch wurden 30 Prozent des Strohs zerstört. Die Folge: Die Preise für dachtaugliches Stroh haben sich im vergangenen Jahr von 600 Pfund auf 1 500 Pfund pro Tonne mehr als verdoppelt, schätzt Tim New, Direktor der Thatched Owners Group. Diese Vereinigung vertritt die Eigentümer von 37 000 der geschätzten 46 000 britischen Strohdach-Häuser.

Neue Häuser werden in Großbritannien schon lange nicht mehr mit dem nachwachsenden Rohstoff gedeckt. Bereits vor mehr als hundert Jahren begannen die meisten Hausbesitzer, ihre Dächer aus Brandschutzgründen mit Schiefer zu decken. Die noch bestehenden Strohdachhäuser gelten aber in der Regel als Baudenkmäler.

Die meisten Gemeinden verlangen, dass die Besitzer den Originalzustand erhalten. Dadurch blieb der Markt für spezialisierte Dachdecker, aber auch die Produzenten von Dachstroh erhalten. Nun aber fürchten viele, dass sie den Bedarf nicht mehr decken können. Am härtesten trifft das diejenigen Hausbesitzer, die durch Brände zerstörte Dächer ersetzen wollen. Andere versuchen Zeit zu gewinnen, indem sie schadhafte Dächer zunächst notdürftig flicken lassen. Einige Eigentümer verschieben die Neueindeckung des Daches in der Hoffnung, dass die Strohpreise irgendwann wieder fallen werden.

In die Bredouille geraten aber auch viele Dachdecker. Weil zwischen Auftragsvergabe und Ausführung oft sechs bis zwölf Monate liegen, können viele Dachdecker angesichts des gestiegenen Materialpreises inzwischen nicht mehr gewinnbringend arbeiten. Dachdecker Mick Dray aus Devon in Südwestengland stellte deshalb vor kurzem fünf Kunden vor die Wahl, entweder für die Preissteigerungen beim Stroh aufzukommen oder den Auftrag zu stornieren. Nur ein Kunde ließ den Dachdecker weiterarbeiten. Sein Kollege Simon Wiley aus der südwestenglischen Grafschaft Somerset muss wegen der gestiegenen Rohstoffkosten nach eigenen Angaben erstmals in seiner 22-jährigen Karriere einen bereits abgeschlossenen Vertrag nachverhandeln. "Es ist mir peinlich, das den Kunden zu schreiben", sagt er.

Bauleiter Wilde hat nach Monaten vergeblichen Suchens nun eine Lösung für die Renovierung des Reetdaches gefunden. Die Gemeinde Somerset erteilte ihm eine Sondergenehmigung, das Haus mit Schilf statt mit Stroh zu decken. Das konnte er aber erst durchsetzen, nachdem er entdeckt hatte, dass dieses Material früher schon einmal für das Dach des Hauses verwendet worden war.

Viele Hausbesitzer wollen trotz aller Probleme die Bauweise weiter pflegen: Schließlich geht es darum, ein Stück englischer Tradition zu bewahren.

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