Studenten ohne Wohnung Die Ochsentour in den großen Städten

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Köln: „Keine Sorge, die Wohnungen haben neue Schlösser“

Abi in der Tasche und jetzt bitte ein aufregendes Studentenleben, am besten in einer Großstadt. So sah der Plan aus. Nervenaufreibend wurde es tatsächlich, allerdings bereits lange bevor ich einen Hörsaal von innen sehen konnte.

Die größte Herausforderung: Ich brauche eine Studentenwohnung. Meine Priorität: Eine Wohnung für mich alleine. Zu Not würde ich auch ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft nehmen. Ich mache mich also auf die Suche. Wo will ich wohnen? Natürlich so nah wie möglich an der Uni. Die Zülpicher Straße – also die Hauptstraße des Kölner Studentenviertels „Kwartier Lateng“ mit zahlreichen Kneipen und einer Straßenbahnverbindung zur Uni - muss es nicht unbedingt sein. Nachts will man ja auch schlafen können.

Roman Tyborski aus Neuss.

Roman Tyborski aus Neuss.

Die benachbarten Stadtteile Lindental, Ehrenfeld, Sülz und Köln-Mitte sind da schon eher auf meinem Radar. Die Suche beginnt beim Inserateportal Immobilienscout24. Angebote gibt es einige. Doch die kosten auch einiges.

Egal, ich brauche eine Wohnung, in einen Monat fängt das Semester an und zwischen Vorlesungen und Seminaren will ich nicht noch eine Bleibe suchen müssen. Also rufe ich beim ersten Angebot an. Ich werde mit einem Maklerbüro verbunden.

„Guten Tag, ich interessiere mich für ihre Wohnung.“
„Ach wirklich, da sind sie nicht der erste.“
„Hätte mich auch gewundert. Wann könnte man sich die Wohnung denn angucken.“
„Leider gar nicht mehr, wir laden immer nur die ersten zehn Interessenten ein.“
„Das ist aber Schade.“ Ich fragte den Makler noch interessehalber der wievielte Anrufer ich bin.
„Das wollen sie lieber nicht wissen.“ Ich bekräftigte ihm allerdings mein Interesse.
„Etwa der zweihundertste“.

Mir bleibt kurz die Spucke weg. Das Inserat ist erst zwei Tage alt. Ein ungutes Gefühl überkommt mich. Um mich den negativen Gedanken nicht hingeben zu müssen, verfalle ich in blinden Aktionismus. Ich seziere die Immobilien-Homepages nach Angeboten, den Umgebungskreis vergrößere ich.

Köln-Zollstock, Rodenkirchen, Hauptsache in Köln. Groß, klein, alt, neu, alles nicht mehr ganz so wichtig. Doch auf immobilienscout24.de tummeln sich fast nur Makler und die verlangen sogar für kleinste Wohnungen eine Provision von tausend Euro und mehr.

Das will ich nicht bezahlen. Und da entdecke ich auf einmal auf salzundbrot.com, einer maklerfreien Internetseite folgendes Angebot: Provisionsfreie Wohnung (sehr gut!), ein Zimmer (auch gut!), in Köln-Lindental (perfekt!), 25 Quadratmeter (na gut, aber etwas klein!), 510 Euro, kalt (Mist!). Mehr als zwanzig Euro pro Quadratmeter sind viel zu viel für mich.

Also geht die Suche weiter. In Köln-Zollstock werde ich fündig. 32 Quadratmeter, 450 Euro warm. Das ist für Kölner Verhältnisse ein guter Preis. Ich rufe an, einen Tag später bin ich in der Wohnung – mit 25 anderen angehenden Studenten.

Ich sehe ängstliche Gesichter, Köpfe ragen aus der Masse, viele stehen auf Zehenspitzen, um nur einen kurzen Blick auf das Zimmer zu erhaschen. Ellenbogen werden ausgefahren, es ist heiß, die Wohnungssuchenden kämpfen mit Schweißperlen auf den Gesichtern. Der Stresslevel ist bedrohlich hoch. Ich frage die junge Frau, die neben mir steht, wie lange sie bereits nach einer Wohnung sucht. Antwort: „Seit zwei Monaten.“

Die Besichtigung dauerte fünf Minuten, am Ende durfte jeder Interessent seine Kontodaten hinterlegen und dann hoffen, dass er der Glückliche ist. Eine maschinelle Abfertigung. Ich widersetze mich dem Gruppenzwang und geben meine Kontodaten nicht weiter.

Und es wird immer schlimmer. Bei einer Dachgeschosswohnung im Stadtteil Sülz sind die Heizungen im Treppenhaus angekokelt. Es riecht nach Rauch. „Da haben irgendwelche Kinder gezündelt,“ sagt der Vermieter. Im zweiten Stock: Eine aufgebrochene Tür. Der Vermieter sieht, dass mich der Anblick betrübt. „Ja also wissen Sie, gestern wurde hier eingebrochen, die haben nur ein bisschen Geld und einen Laptop mitgehen lassen,“ sagt der Vermieter. „Aber keine Sorge, die Wohnungen haben neue Schlösser, es ist sicher. Und für alles was geklaut wird, kommt ja die Versicherung auf.“ Auch wenn ich kein ängstlicher Typ bin kommt die Wohnung nicht in Frage. Den Preis von 575 Euro warm für 35 Quadratmeter kann ich mir nicht leisten.

Und weiter geht es. Ich bin nicht mehr wählerisch. Zehn Massenbesichtigungen. Eine peinliche Befragung in einer Wohngemeinschaft: Welche Hobbies hast du? Welche Musik hörst du? Woher kommst du eigentlich, dein Nachnahme klingt ja nicht gerade deutsch? Hast du Geschwister? Was machen deine Eltern beruflich?

Der Höhepunkt des Tages: Sie schleppen mich in eine Diskothek und wir trinken Bier. Sie wollen mein „Feierverhalten“ testen. Ich komme mir vor, wie im Zirkus, doch ich machte gute Miene zum bösen Spiel. Aber irgendwann reicht es selbst dem geduldigsten Wohnungssuchenden.

Nach einem anstrengenden Monat habe ich die Suche vorerst aufgegeben. Ich will mich zunächst auf mein Studium und meinen Job bei Handelsblatt Online konzentrieren. Ich wohne so lange bei meinen Eltern in der Nähe von Neuss. Jeden Tag pendele ich 50 Kilometer mit Bus und Bahn, pro Fahrt gehen anderthalb Stunden drauf. Auch wenn ich mir auf den langen Fahrten einrede, dass ich mich schon irgendwie an das Pendeln gewöhnen kann: So recht dran glauben kann ich nicht. In den Semesterferien werde ich den nächsten Angriff auf den Kölner Wohnungsmarkt wagen.

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9 Kommentare zu "Studenten ohne Wohnung: Die Ochsentour in den großen Städten"

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  • Wer in Jena studieren will, kann in Gera wohnen. Gera hat die niedrigsten Mieten in ganz Deutschland.

  • Solche Eltern sind mir die Liebsten, Herr Schoen: Wenn Papa im Anzug mit zur Wohnungsbesichtigung kommt und dem Makler die Kanzlei-Visitenkarte in die Hand drückt. Damit der Sohnemann ja nicht im fairen Wettbewerb sich mit den Wohnungsproblemen der 08/15-Studenten rumplagen muss.

  • Ähm, Entschuldigung, sie haben in ihrem Artikel eine Hälfte von Deutschland komplett vergessen. Ja, vielleicht sind in Jena die Mieten geringer als in München, nichtsdestotrotz ist aufgrund des geringeren Angebots und des geringeren Einkommens auch dort der Wohnungsmarkt sehr angespannt.

  • Bin als Student auch 1,5 h am Tag gependelt. Köln-Lindenthal, klar. Studenten sollten kleiner Brötchen backen. Noch nie nen Euro verdient, aber schon die höchsten Ansprüche. In Chemnitz gibt's Wohnungen geschenkt. Die Profs sind dort auch nicht schlechter. Aber man will ja in die Weltstädte...Auch in Köln-Chorweiler gibt's Wohnungen für 5 € pro m². Aber dafür ist man sich als Student ja zu Schade. Chorweiler ist sehr multi-kulturell.

  • Eine gute Idee wäre es, in die Infrastruktur und Lebensqualität der aktuell weniger gesuchten Gegenden zu investieren. Dann wollen auch nicht alle am gleichen Ort wohnen, was offensichlich nicht lösbar ist.

  • Man sollte Studenten gleich noch viel mehr drangsalieren:
    Damit die garnicht erst merken in Welche Scheiße sie geraten sind.

    Daher:; Mehr Bologna für Primaten.

    So wird Zukunft draus.

    Interessiert uns doch einen Scheisendrecken, ob die was kapieren.

  • Wenn wir halb so viele Studenten hätten, wäre es noch zu viel. Wir haben nicht so viele Akademiker-Jobs.

    Also: Messlatte höher hängen, Seuche Sozialismus ausräuchern, und die Wohnungslage entspannt sich.

  • Kann zu den Berichten nur den Kopf schütteln: wer kurz vor Toresschluss noch eine bezahlbare und akzeptable Wohnung bekommen will, dem ist nicht mehr zu helfen. Wenn ich weiß, dass ich in XY, also einer Großstadt, studieren will, dann muss ich mindestens ein viertel, besser ein halbes Jahr vorher zu suchen anfangen. Richtig: Mundpropaganda ist (meist) besser als Internet. Und: ich als Vater bin mit Sohnemann gegangen und ICH habe geklingelt und ICH unterschreibe den Mietvertrag. Soviel zum (finanziellen) Vertrauen schaffen. OK: für Party machen und nebenbei vielleicht studieren kriegt Sohnemann nichts.

  • Ich bin selbst seid Jahren Berliner Student und da ich ich viele Studis an diversen Hochschulen in Berlin kenne, kenne ich auch deren Vorstellungen. Meistens frage ich als erstes die Studis warum sie nach Berlin gekommen sind. Dann kommen Antworten weil große Stadt, viele unterschiedliche Leute, Parties und immer was los. Meist kommt dann der Grund Studium an 5 Stelle. Dann frage ich wo sie gerne in Berlin wohnen wollen. Dann heißt es zentral am besten Friedrichhain, Mitte, Kreuzberg ggf. Neuköln. Dann sage ich dann musste aber mindestens 50 Euro Zentrumszuschlag zahlen. Das ist dann den Leuten egal. In Bezirken wie Hellersdorf, Marzahn, Treptow Köpenick wo die Miete die hälfte kostet und die Wohnungen dabei ruhiger und sicherer gelegen sind und oft gleichzeitig in besserem Zustand da will keiner wohnen.

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