Stuttgart 21
Durch den Gipsboden in die Hölle

In Staufen im Breisgau hebt sich der Boden und zerstört die historische Altstadt. Das Drama begann mit dem Bau einer Bahnstrecke. Das Problem: Weite Teile des baden-württembergischen Bodens bestehen aus so genanntem Gipskeuper, einem Mineralgips der aufquillt wie Hefeteig - und nun auch das Prestigeprojekt Stuttgart 21 bedroht.
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STUTTGART. Auf das Milliarden-Stadtentwicklungsprojekt Stuttgart 21 warten möglicherweise unangenehme Überraschungen. Probleme drohen beim Bohren von rund 60 Kilometer Tunnelstrecke durch den schwäbischen Boden. Die Röhren sind nötig, um aus dem oberirdischen Kopfbahnhof einen unterirdischen Durchgangsbahnhof zu machen, so dass über der Erde rund 100 Hektar innerstädtische Neubaufläche entstehen.

Kurz vor Weihnachten entschieden Bahn, Land und Stadt Stuttgart: Das Bahnprojekt Stuttgart 21 wird zwar eine Mrd. Euro teurer als geplant, aber trotzdem gebaut. Ab 15. März sollen die Bagger loslegen.

Doch Experten warnen vor Gipskeuper-Schichten, die in den Böden der Stuttgarter Region vorkommen und die Erdarbeiten möglicherweise erschweren könnten. Denn aus Gipskeuper (Anhydrit) kann Mineralgips entstehen, wenn er mit Wasser in Verbindung kommt. Das Problem: Das Volumen von Gips ist um etwa 60 Prozent größer als das von Gipskeuper - der Boden quillt also auf wie ein Hefeteig. Dadurch können oberirdische Schäden entstehen, wenn sich der Boden langsam, aber unaufhaltsam hebt.

Die Stadt Stuttgart hat bereits einige Erfahrungen mit Gipskeuper hinter sich. Zum Beispiel im Wagenburgtunnel nahe der Innenstadt: Der war bei seiner Eröffnung 1958 mit rund 800 Metern der längste Straßentunnel Deutschlands und ursprünglich als zweiröhriger Tunnel veranschlagt - doch schon beim Bau der Südröhre kam den Arbeitern der Gipskeuper in die Quere, der Boden begann sich zu heben. Schließlich war die Nordröhre wegen der unkontrollierbaren Quellvorgänge nicht fertigzustellen. Pikant: Der Ausgang des Wagenburgtunnels liegt nur einen Steinwurf entfernt vom Stuttgarter Hauptbahnhof, wo demnächst die Ausschachtungsarbeiten beginnen.

Dass es auch bei den Stuttgart-21-Grabungen zu Problemen mit Gipskeuper kommt, ist nicht auszuschließen. Der Geologe Jakob Sierig, der sich in seiner Doktorarbeit mit Anhydrit und Salzgestein beschäftigt hat, schätzt die Wahrscheinlichkeit sogar auf 80 Prozent. "Wenn solche Tunnel mit einem Durchmesser von 15 Metern gebaut werden, dann geschieht das durch Sprengungen. Und die Gefahr ist groß, dass sich im Umkreis der Sprengung Risse bilden, durch die das Wasser in die Keuperschicht eindringen kann."

Kein Problem, sagt dagegen die Deutsche Bahn. "In Stuttgart gibt es seit Jahrzehnten verlässliche Erfahrungen im Tunnelbau aus dem S-Bahn -, Stadtbahnbau", versichert Wolfgang Drexler, der Sprecher des Bahnprojekts. "Die Bahn hat schon in der Vergangenheit Tunnelbauprojekte im unausgelaugten Gipskeuper erfolgreich gebaut, zum Beispiel den Hasenbergtunnel."

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  • Der Anhydrit im Stuttgarter Talkessel wird
    ganz besonders schnell reagieren, wenn die
    Quellflüsse des Cannstatter Sauerwassers
    angebohrt werden.
    Die Wahrscheinlichkeit ist SEHR groß !!!

  • Man sollte sich einmal überlegen ob es einerseits richtig ist bohrungen in die Tiefe für Erdwärmeheizungen zu verbieten sobald Gips- bzw. Anhydritgestein durchbohrt wird . Und andererseits Tunnelbauwerke zuzulassen die im Durchmesser und Länge im Faktor 100 größer sind . Sollte man da nicht entweder beides verbieten oder beides erlauben ?

  • Kann natürlich gut sein, dass die Erde sich in Staufen zufällig gleichzeitig mit der Erdwärmebohrung gehoben hat. Macht sie bei uns auch immer.

    Aber selbst wenn man diesen eindimensional denkenden Löcherbuddlern juristisch nicht das Handwerk legen kann, muss ich doch zufrieden feststellen, dass immer mehr Gemeinden darauf kommen, dass es nicht sinnvoll sein kann, die wasserundurchlässigen Schichten zum Grundwasser zu durchbohren wie einen Schweizer Käse und so unser aller Lebensgrundlage zu gefährden. Dass es ein Gipskeuperunfall war, der das Umdenken einleitet und kein Giftunfall neben einem Erdwärmeloch ist einfach nur Glück für alle, die nicht in der Staufener innenstadt wohnen.

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