Trendwende am Hypothekenmarkt gefährdet Konjunkturaufschwung
Steigende Bauzinsen bedrohen US-Börse

Den 15. August wird Kathlyn Hobbie nie vergessen. An jenem Tag wollte die 56-jährige Amerikanerin den Kaufvertrag für ihr neues Haus und den Kreditvertrag für die Hypothek unterschreiben. Doch in letzter Minute platzte das Darlehen.

NEW YORK. „Als ich morgens unsere Maklerin anrief, sagte sie mir, dass unser Kreditgeber gerade Pleite gegangen war“, erzählt Hobbie. Der Hausfinanzierer Capitol Commerce Mortgage Co. zerbrach an dem plötzlichen Zinsanstieg am US-Hypothekenmarkt. Zehn- bis zwanzigtausend Kunden verloren über Nacht ihre Finanzierung, berichtet das Fachblatt American Banker.

Experten erwarten weitere Turbulenzen – mit negativen Folgen für die US-Konjunktur und die Aktienbörsen. „Die höheren Bauzinsen drohen die konjunkturelle Erholung in den USA abzuwürgen“, sagt Anlagestratege Dhaval Joshi von Société Générale, „und das verheißt nichts Gutes für die Aktienmärkte“. Der durchschnittliche Festzins für ein 30-jähriges Baudarlehen stieg von dem historischen Tief bei 5,18 % im Juni auf 6,22 % Mitte August. Das teilte der Branchenverband Mortgage Bankers Association of America (MBA) mit.

Für Hypothekenfinanzierer wird der Zinsanstieg zum Härtetest. Manche haben sich nur unzureichend gegen Marktschwankungen abgesichert. So hatte Capitol Commerce offenbar Baukredite zu niedrigen Festzinsen zugesagt, als plötzlich die eigenen Refinanzierungskosten wegen des Zinsanstiegs davonliefen. Das brach der Firma innerhalb weniger Wochen das Genick.

Noch gefährlicher für die US-Konjunktur ist der Einbruch der Refinanzierungen von Hypokrediten. Seit Mai ist das Volumen der so genannten Refis um 78 % abgestürzt, meldet der MBA-Verband. Solange die Zinsen sanken, konnten Hausbesitzer ihre Darlehen zu günstigeren Konditionen umschulden. Damit reduzierten Millionen Hausbesitzer ihre Zinslast – und viele verschafften sich auch mehr finanziellen Spielraum. Denn angesichts steigender Häuserpreise erhöhten die Banken bereitwillig die Darlehenssumme.

„Der Refi-Boom gab den Verbrauchern frisches Geld, um ihre Ausgaben immer weiter zu steigern“, sagt Société-Générale-Stratege Joshi. Doch das Spiel funktionierte nur, solange die Zinsen sanken. Jetzt schätzt die MBA, dass bis zum Jahresende 200 Mrd. $ weniger Refis in Anspruch genommen werden als bisher erwartet. MBA-Chefvolkswirt Douglas Duncan senkte seine Jahresprognose für alle US-Hypokredite von 3,6 auf 3,4 Billionen $. Für 2004 kappte er die Schätzung sogar um 400 Mrd. $ auf 1,5 Billionen $.

Damit fällt ein wichtiger Treiber für den Konsumboom in den USA weg. Der Effekt wirkt umso stärker, weil gut zwei Drittel aller amerikanischen Haushalte ein Eigenheim bewohnen. Anlagestratege Joshi rechnet damit, dass viele Familien – auch wegen der steigenden Arbeitslosigkeit – bald kürzer treten müssen.

„Deshalb erscheinen insbesondere die Aktienkurse von Herstellern dauerhafter Konsumgüter gefährdet“, sagt Joshi. In schwierigen Zeiten verschöben die Verbraucher den Kauf von Autos, Fernsehern und anderen teuren Geräten. Stattdessen setzt er auf Aktien so genannter defensiver Branchen. Das sind etwa Nahrungsmittel- und Getränkehersteller, deren Absatz kaum konjunkturabhängig ist. Anlagestratege Steven Major von der Großbank HSBC rät außerdem zum Kauf von US-Staatsanleihen. „Die Turbulenzen am Hypothekenmarkt haben US-Staatsanleihen mitgerissen“, sagt Major, „darin sehen wir eine günstige Einstiegschance.“

Die Märkte für hypothekengesicherte Anleihen und Staatsbonds sind miteinander verknüpft (Kasten). In den letzten Wochen fielen bei Staatspapieren mit langer Laufzeit die Kurse, die sich gegenläufig zu den Renditen bewegen. Major hält dies aber für einen vorübergehenden Effekt. „Die mäßigen Konjunkturaussichten und die US-Geldpolitik machen amerikanische Bonds im Vergleich zu Aktien attraktiv“, sagt auch Société-Générale-Experte Joshi. Mit fast 5,3 % liegt die Verzinsung 30-jähriger US-Bonds derzeit deutlich höher als bei vergleichbaren Bundesanleihen.

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