Verdächtig günstige Miete
Wie ich fast auf einen Wohnungsbetrüger hereinfiel

Wenn eine Wohnungsanzeige zu schön klingt, um wahr zu sein, dann ist Vorsicht geboten. Betrüger schalten Anzeigen, die nur ein Ziel haben: Die Abzocke von verzweifelten Wohnungssuchenden. Ein Erfahrungsbericht.
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KölnIch könnte behaupten, ich hätte gleich gemerkt, dass hier etwas nicht stimmt. Die Sache war ja auch ziemlich durchschaubar. Das weiß ich jetzt. Aber im ersten Moment stand da dieses verlockende Angebot: eine Wohnung mitten im Zentrum von Köln, vier Zimmer, gut 100 Quadratmeter, 1050 Euro pro Monat.

Wer sich in letzter Zeit ein wenig mit Wohnungssuche in einer deutschen Großstadt beschäftigt hat, weiß, dass das ein echter Schnäppchenpreis ist. Ich jedenfalls war ganz erstaunt, nach längerer Suche doch noch auf so ein günstiges Angebot zu stoßen, gefunden im Internet bei Immobilienscout24.

Die Fotos sehen wirklich toll aus: lichtdurchflutete Zimmer, Parkettboden, ein luxuriöses Bad, voll ausgestattete Küche, Einbauschränke. Ein Angebot, bei dem alles passt. Also heißt es schnell sein. Über das Kontaktformular schicke ich meine Anfrage ab.

Der Mietmarkt in Köln ist angespannt, sagen die Experten. Die Nachfrage sei größer als das Angebot. Was daraus folgt ist reine Marktwirtschaft: in den vergangenen fünf Jahren sind die Mieten im Schnitt um rund 30 Prozent gestiegen, am stärksten legten sie in den innerstädtischen Vierteln zu, etwas weniger am Stadtrand. In München, Hamburg und Berlin sind die Steigerungen noch extremer.

Die Antwort auf meine Anfrage kommt schnell. Schon nach einem Tag meldet sich ein gewisser Rune Hasling aus Dänemark. Er stellt sich vor als 65-jähriger Rentner und bedankt sich für das Interesse an seiner Wohnung, die erst vor wenigen Monaten renoviert worden sei. Er und seine Frau hätten sie einst gekauft, um sie – Sommer wie Winter – als Ferienwohnung zu nutzen. Jetzt wollten sie lieber die Welt bereisen, weshalb er die Wohnung vermiete.

Hasling schreibt auf Englisch. Seine Deutschkenntnisse seien nicht wirklich gut, erklärt er. Bei der Wohnungsanzeige habe ihm sein deutscher Nachbar in Kopenhagen geholfen.

Der Däne schlägt ein persönliches Treffen vor, um sich näher kennenzulernen. Er schickt ein Foto mit, das ihn und seine Frau zeigen soll, mit Jeans, Turnschuhen, Käppi und einem Prospekt in der Hand, so als seien die beiden gerade im Urlaub unterwegs. Ein wirklich nettes, vertrauenswürdiges Ehepaar, so scheint es. Die Mail endet mit den Worten: „With kindly danish regards“, „mit freundlichen dänischen Grüßen“.

Beschreibungen – ausgedacht, Fotos – geklaut

Eines macht mich dann aber doch stutzig: Der vermeintliche Vermieter schlägt vor, man solle ihm zwei Monatsmieten plus die Kaution, ebenfalls zwei Monatsmieten, im Voraus überweisen. Das wären zusammen 4200 Euro.

Angebote wie dieses sind keine Seltenheit: Immobilienscout24 entdeckt nach eigenen Angaben bundesweit etwa 500 solcher Inserate pro Woche. „Es handelt sich dabei um klassischen Vorkassebetrug“, sagt Sonja May von Immobilienscout24.

Die Masche funktioniert immer ähnlich: Am Anfang steht ein Wohnungsangebot, das eigentlich zu schön ist, um wahr zu sein – und im Grunde ist es das ja auch. Typisch ist, dass sich ein vermeintlicher Eigentümer meldet, der nicht im Land ist und kein Deutsch spricht. Nach mehreren Mails hin und her, in denen es darum geht, Vertrauen aufzubauen, wird eine Kontoverbindung bei Instituten wie Western Union oder Money Gram mitgeteilt.

Wer das Geld überweist, sieht davon nichts wieder und erst Recht keine Wohnung. Die angebotenen Immobilien gibt es oft gar nicht. Die Beschreibungen – ausgedacht. Die Fotos – geklaut aus Wohnungsprospekten oder anderen Inseraten.

Wer fällt bitte auf so etwas herein? Von außen betrachtet erscheint der Schmu leicht durchschaubar. Aber bei manchen Wohnungssuchenden ist die Verzweiflung groß. Und wer nicht schnell genug ist, muss befürchten, dass er leer ausgeht. Das machen sich die Betrüger zunutze. „In letzter Zeit scheinen derartige Anzeigen tatsächlich vermehrt aufzutreten. Grund hierfür dürften Wohnungsengpässe insbesondere in Großstädten und Universitätsstädten sein“, erklärt Ulrich Ropertz vom Deutschen Mieterbund. „Wer hier wochen- oder monatelang vergeblich nach einer bezahlbaren Wohnung gesucht hat, ist häufig ein potenzielles Opfer für diese betrügerischen Machenschaften.“

Ich schaue mir die Adresse der angebotenen Wohnung genauer an: Große Sandkaul 21, ganz in der Nähe des Kölner Doms und direkt angrenzend an eine der belebtesten Einkaufsstraßen. Nur wo soll sich hier – zwischen all den Geschäften und Büros – die besagte Wohnung befinden? Ein Klingelschild mit dem Namen ‚Hasling‘ findet sich jedenfalls nirgendwo.

Erst Schlüssel, dann Geld

Dafür finde ich den Namen wieder in einem Internetblog, bei dem es um Wohnungsbetrug geht. Der Mann, der sich als „Rune Hasling“ ausgibt, ist offenbar auch in anderen Städten aktiv, und es gibt noch viele weitere „Rune Haslings“. Der Blog „Wohnungsbetrug“ listet diese Fälle reihenweise auf – bei Immobilienscout24, Immowelt oder Immonet. In diesem Moment entscheide ich, den Kontakt nach Dänemark abzubrechen.

Obwohl die Methode seit Jahren bekannt ist, ist sie nur schwer totzukriegen. „Wir arbeiten kontinuierlich daran, unsere technischen Sicherungsmaßnahmen zu verbessern. Das gleicht allerdings oftmals einem Katz-und-Maus-Spiel, da die Betrüger ihrerseits ihre Strategie anpassen“, sagt May von Immobilienscout24. Jedes neue Inserat werde geprüft. Das sind im Monat immerhin rund 150.000, allein bei diesem Anbieter.

Ein automatischer Filter soll verdächtige Angebote erkennen, kurz nachdem sie online gegangen sind. Geprüft wird etwa, ob die inserierte Miete zu den Preisen in der Gegend passt. Bei Auffälligkeiten übernimmt die Abteilung für Qualitätssicherung. „Sollte sich der Verdachtsfall bei der anschließenden Sichtprüfung erhärten, löschen wir das Angebot und sperren das dazugehörige Anbieterkonto“, sagt May. Auch das Inserat von Herrn Hasling ist inzwischen entfernt worden.

Die Hintermänner der betrügerischen Anzeigen bleiben im Internet anonym. Das macht es den Ermittlungsbehörden schwer. Nach Information von Immobilienscout konnte noch kein Täter ermittelt werden.

Wenn ein Angebot viel zu billig aussieht, ist in jedem Fall ein gesundes Misstrauen angebracht. Die Tipps des Mieterbundes bringen es auf den Punkt: „Nie Vorauszahlungen leisten. Wohnungen immer zuerst besichtigen. Zahlungen erst, wenn Mietvertrag unterschrieben und Schlüssel ausgehändigt wurden.“

Jörg Hackhausen
Jörg Hackhausen
Handelsblatt Online / Reporter

Kommentare zu " Verdächtig günstige Miete: Wie ich fast auf einen Wohnungsbetrüger hereinfiel"

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  • Dann freuen Sie sich mal auf die Kosten, die auf sie dann zukommen. Da sie verpflichtet sind den Schlüssel herauszugeben. Den der Mieter ist ab dem vertraglich vereinbarten Einzugstermin Einzugsberechtigt. Der Mieter hat dann das Recht, ein Schlosser auf Ihre Kosten zu holen und das Schloß austauschen zu lassen. Entstehen durch ihr verhalten weitere Kosten, haben sie diese auch zu tragen. Und das kann mal schnell 4 stellig werden.

  • "Zahlungen erst, wenn Mietvertrag unterschrieben und Schlüssel ausgehändigt wurden."

    Das ist ja ein ganz toller Tipp. Ich bin selber Vermieter und bevor nicht die Kaution und die erste Miete überwiesen sind, gabe ich ganz sicher keinen Schlüssel raus. Allerdings wird bei mir auf ein Konto bei der örtlichen Volksbank überwiesen und nicht per Westernunion.
    Wenn die Zeit drängt, kann der Mieter auch Bargeld mitbringen. Dann gibt's die Schlüssel gegen Bargeld.

  • Ich glaube nicht, dass Immobilienscout24 von sich aus diese Angebote rausfiltert. Dies wäre, wie von Dem Portal geschildert, mit Leichtigkeit möglich, geschieht aber m.E. nicht. Auf der Jagd nach eindrucksvoller Anzahl von Angeboten , nimmt man das Problem wohl wissend in Kauf und reagiert nur auf Nutzerhinweisen. Hier wäre ein investigativer Journalisteneinsarz hilfreich.

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