Weniger Immobilienverkäufe
Sylt nimmt die Krise sportlich

Sylt ist Spitze - geografisch und preislich: Am nördlichsten Zipfel Deutschlands werden mit die höchsten Immobilienpreise der Republik erzielt. Doch in Zeiten der Krise zeigt auch der Immobilienmarkt der Nordseeinsel kleine konjunkturelle Dellen.
  • 0

HAMBURG. Grundstücke in Kampen kosten zwischen 1 500 und 2 500 Euro pro Quadratmeter (qm), in Wattlagen werden 3 500 Euro bezahlt, ermittelte die Deutsche Bank. Zum Vergleich: Im teuren München kostet der Quadratmeter Bauland "nur" zwischen 1 000 und 2 000 Euro. Das hohe Preisniveau auf Sylt liegt in der Natur der Sache: Auf der knapp 100 Quadratkilometer kleinen, schmalen Nordseeinsel ist Land knapp - und Bauland noch knapper. Außerdem ist die Nordseeinsel seit Jahrzehnten eines der beliebtesten Ziele deutscher Ferienhauskäufer: Bei 21 000 Einwohnern zählt man auf der Insel 16 000 Zweitwohnsitze.

Wer allerdings in diesem Tagen zwischen Hörnum im Süden und List im Norden der Insel unterwegs ist, sieht weniger Verkaufsschilder als in den vergangenen Jahren. Dabei setzten die Makler auf der Sylt 2008 immerhin noch rund 570 Mio. Euro um. Das waren zwar 50 Mio. Euro weniger als 2007, doch die Ursache für den Rückgang sei nicht etwa ein gesunkenes Preisniveau, sondern eine "Angebotsverknappung", wie Stefan Knoll sagt, der in der Geschäftsleitung der Deutschen Bank in Hamburg sitzt. Das betrifft vor allem die begehrten Lagen: "Die höchsten Preise werden für Watt- und Dünengrundstücke bezahlt", sagt Annette Kremer von der HypoVereinsbank. Verschärft wird die Situation durch Bestrebungen der Gemeinden, die Bebauung durch Naturschutzauflagen und Erhaltungssatzungen zu begrenzen.

Unbestrittener Top-Standort der Insel ist die unter Prominenten beliebte Dorf-Perle Kampen: Hier kosten frei stehende Häuser bis zu 15 Mio. Euro. Die Makler von Grossmann & Berger werben damit, im Frühjahr sogar ein Objekt für 25 Mio. Euro verkauft zu haben. Spitzenpreise für Immobilien mit Meerblick werden auch in Rantum, Hörnum und Munckmarsch erzielt. Keine Überraschung für die Deutsche Bank. Sie rechnet vor, dass sich die Eigenheimpreise im Luxussegment in der Vergangenheit alle zehn Jahre verdoppelt haben. Und das werde auch so bleiben: Der generelle Aufwärtstrend werde 2009 und 2010 allenfalls "gedämpft".Daher wird sich nach Ansicht von Deutschbanker Stefan Knoll auch der Wohnungsmarkt auf Sylt in Zukunft als wertstabil erweisen. Der Grund: Die Insel verfüge über genug Alleinstellungsmerkmale. Und wo dies der Fall sei, reagierten Nachfrager auf konjunkturelle Schwächen nur wenig. Probleme bei der Finanzierung gibt es daher laut Deutschbanker Knoll bei Haus- und Wohnungskäufen auf Sylt nur sehr selten:Die Bonität der Erwerber sei - Finanzkrise hin, Wirtschaftskrise her - exzellent.

Mehr Sorgen als die Konjunkturkrise bereiten Immobilienmaklern und Bauträgern die Folgen des zunehmenden Massentourismus auf der Insel. Bis vor zehn Jahren landeten auf dem kleinen Flughafen von Sylt nur zweimotorigen Propellermaschinen, Privatflieger und Hubschrauber. Heute donnern auch Düsenmaschinen von Lufthansa, Air Berlin oder Tuifly aus Düsseldorf, München oder Moskau in weniger als 100 Metern Höhe über die Häuser von Keitum. Nicht selten sorgen bis zu 30 Starts und Landungen am Tag für Dauerärger bei den Syltern und ihren Feriengästen. Und es wird noch lauter werden auf der Lieblingsinsel der Deutschen: Demnächst sollen die Linienmaschinen auch über Köpfe der Radfahrer und Spaziergänger in Munckmarsch einfliegen. Hausbesitzer klagen gegen den Flughafen auf Wertminderung, weil ihre Immobilien in der Flugschneise liegen, Naturschützer protestieren, Urlauber buchen um. Ähnlich groß ist die Wut der Insulaner auf die rollendes Blechkisten. Viele der mehr als 800 000 Feriengäste, die Jahr für Jahr die Insel überschwemmen, kommen mit dem Auto.

Doch weder Fluglärm noch Autogestank, nicht das Schickimicki-Gehabe in der Kampener Whisky-Meile und auch nicht der Ausverkauf der Marke "Sansibar", eines einstmals kleinen Strandrestaurants in den Dünen von Rantum, das mittlerweile unter Werbeaufklebern von Auto- und Brillenfirmen zur bunten Litfaßsäule verkommt, haben bisher die Attraktivität der Urlaubsinsel geschmälert. Während eine Ferienwohnung auf der Ostseeinsel Rügen 193 Tage pro Jahr belegt ist, sind es auf Sylt im Schnitt 218 Tage, in Westerland sogar 250 bis 300 Tage. Hohe Vermietungserlöse schließlich stabilisieren auch den Immobilienmarkt - und nützen so auch jenen Eigentümern, die ihren Zweitwohnsitz ausschließlich selbst nutzen.

Kommentare zu " Weniger Immobilienverkäufe: Sylt nimmt die Krise sportlich"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%