Widerruf von Baudarlehen: Wie sich eine Bank vor dem BGH wegduckt

Widerruf von Baudarlehen
Wie sich eine Bank vor dem BGH wegduckt

Bei fehlerhaften Klauseln können Kunden Baugeld-Verträge aus der Hochzinsphase widerrufen. Ein Vergleich verhinderte jetzt ein weiteres Urteil, das Kundenrechte gestärkt hätte. Wie Immobilienbesitzer dennoch rauskommen.
  • 0

FrankfurtBeim sonst eher etwas langweiligen Baugeld drehen derzeit die Anlegeranwälte mächtig auf. Der Grund für die hektische Aktivität der Juristen: Am heutigen Dienstag stand beim Bundesgerichtshof (BGH) ein Grundsatzurteil zum „Widerrufsjoker“ auf dem Plan. Wegen fehlerhafter Widerrufsklauseln können Immobilienbesitzer vielfach ihre Darlehen widerrufen, ohne dass eine Vorfälligkeitsentschädigung anfällt.

Wegen der in den vergangenen Jahren stark gefallenen Zinsen lockt dann ein Sparpotenzial, das schnell einen fünfstelligen Euro-Bereich erreichen kann. Das BGH-Urteil (IX ZR 154/14) sollte Klarheit darüber geben, ob der Widerrufsjoker auch für Kredite, die bereits vor Jahren zurückgezahlt worden sind gezogen werden kann. Anwälte und Verbrauchervertreter hatten bereits angekündigt, Medienvertreter live und vor Ort auf dem Laufenden zu halten. Ein möglicher Erfolg der Kläger sollte öffentlichkeitswirksam ausgeschlachtet werden.

Den Weg nach Karlsruhe können sich die Beobachter allerdings sparen. Denn es gibt kein Urteil. „Die Gegenseite hat ihre Revision zurückgezogen“, erklärt ein Sprecher der DG Hyp, deren Anwälte mit dem Kläger einen Vergleich aushandelten. „Beide Parteien haben Stillschweigen vereinbart.“ Die Bank ist ein Immobilienfinanzierer der Volks- und Raiffeisenbanken. „Es gab Anzeichen, dass der BGH unserer Rechtssicht gefolgt wäre,“ erklärt Richard Lindner, Anwalt des Klägers. Und Lindner macht anderen Darlehensnehmern Mut: „Kreise des BGH berichten, das in den nächsten Monaten eine weitere Entscheidung in einer ähnlicher Sache ansteht.“

Die Verbraucherschützer murren. „Wir bedauern, dass der BGH die Frage der Verwirkung nicht entscheiden darf“, sagt Markus Feck von der Verbraucherzentrale NRW. Die größte Verbraucherzentrale Deutschlands führte allein im vergangenen Jahr mehrere Tausend Beratungen zu dem Thema durch. Widerrufe von frühzeitig abgelösten Immobiliendarlehen wiesen die Banken in der Regel als verwirkt zurück. „Eine Entscheidung des BGH hätte hier für Rechtssicherheit gesorgt.“ Die betroffenen Darlehensnehmer müssen nun weiterhin erwägen, ob sie das erhöhte Prozesskostenrisiko eingehen möchten.

Zuvor hatten Anlegeranwälte dem Kläger sogar eine finanzielle Unterstützung angeboten, nur damit er den Vergleichsvorschlag der DG Hyp ablehnt und der BGH ein Urteil spricht. „Wir hätten das volle Prozesskostenrisiko übernommen“, sagt Julius Reiter von der Kanzlei Baum Reiter & Collegen. Bei der Klage ging es um eine Vorfälligkeitsentschädigung in Höhe von mehr als 22.400 Euro. Der Anwalt ist sich sicher: „Der BGH hätte dem Kläger sicher Recht gegeben.“ Im Falle von Versicherungsverträgen hatten die Richter in einem ähnlichen Falle bereits im Sinne der Kunden geurteilt.

Seite 1:

Wie sich eine Bank vor dem BGH wegduckt

Seite 2:

Vorsicht vor dem schnellen Widerruf

Kommentare zu " Widerruf von Baudarlehen: Wie sich eine Bank vor dem BGH wegduckt"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%