Öffentlicher Aufruf: Ökonomen-Aufstand gegen Euro-Retter

Öffentlicher Aufruf
Ökonomen-Aufstand gegen Euro-Retter

Dutzende renommierte Wirtschaftsforscher laufen Sturm gegen die Politik der Euro-Retter. In einem Aufruf warnen sie davor, die Steuerzahler der soliden Länder Europas für die Schulden der Südländer bluten zu lassen.
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BerlinDie Pläne der europäischen Staats- und Regierungschefs zur Bewältigung der Euro-Schuldenkrise sorgen für mächtigen Wirbel unter deutschsprachigen Ökonomen.  In einem Handelsblatt Online vorliegenden Entwurf eines Aufrufs gegen die unsoliden Südländer, der am Freitag veröffentlicht werden soll, machen weit über 150 Wirtschaftsforscher ihrem Ärger Luft. Unmissverständlich machen sie deutlich, dass sie die Entscheidungen des EU-Gipfels in der vergangene Woche, zu denen sich die Kanzlerin gezwungen gesehen habe, für grundfalsch halten.

Bei den zähen Verhandlungen hatten sich insbesondere die von der Krise schwer gebeutelten Südländer Italien und Spanien mit ihren Forderungen durchgesetzt: Aus Sorge vor einem Auseinanderbrechen der Euro-Zone kam die Währungsgemeinschaft den beiden großen Volkswirtschaften entgegen. Sie lockerte ihre Bedingungen für Hilfen, öffnete die Tür für direkte Bankenzuschüsse aus ihrem Rettungsfonds ESM und kündigte an, mit einer zentralen Bankenaufsicht unter der Führung der Europäischen Zentralbank einen ersten Schritt zu einer Bankenunion gehen zu wollen.

Damit werde die Euro-Zone den Teufelskreis aus immer höheren Schulden und angeschlagenen Banken durchbrechen, hatte EU-Ratspräsident Herman van Rompuy nach Gipfelende erklärt. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel pochte zugleich darauf, dass auch in Zukunft alle Hilfen nur unter strikten Bedingungen gewährt würden. Die Regeln seien nicht aufgeweicht worden.

Die Professorenschaft, darunter renommierte Wissenschaftler wie Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Klaus Zimmermann, Direktor des Instituts zur Zukunft der Abeit (IZA) und Charles Blankart, Seniorprofessor für Öffentliche Finanzen an der Berliner Humboldt-Universität und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats beim Bundeswirtschaftsministerium, glaubt den Zusicherungen der Kanzlerin allerdings nicht. Die getroffenen Vereinbarungen stoßen vielmehr auf energischen Widerspruch.

Aber es gibt auch Kritik an den Ökonomen. Der Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, war gebeten worden, den Aufruf ebenfalls zu unterzeichnen. Er wies die Bitte aber brüsk zurück. Auf seiner Facebook-Pinnwand nennt er die Aktion erschreckend und spricht vom "Wahn deutscher Professoren". Horns Empörung kommt nicht überraschend. Mit Ifo-Chef Sinn liefert er sich schon länger eine Auseinandersetzung über die Bewertung und die Maßnahmen zur Bewältigung der Krise.

Das ist auch der Punkt, an dem die Ökonomen in ihrem Aufruf ansetzen. Dort heißt es: „Wir, Wirtschaftswissenschaftler und Wirtschaftswissenschaftlerinne​n der deutschsprachigen Länder, sehen den Schritt in die Bankenunion, die eine kollektive Haftung für die Schulden der Banken des Eurosystems bedeutet, mit großer Sorge.“ Die Bankschulden seien fast dreimal so groß wie die Staatsschulden und lägen bei den fünf Krisenländern im Bereich von neun Billionen Euro.

Und weiter: „Es ist schlechterdings unmöglich, die Steuerzahler, Rentner und Sparer der bislang noch soliden Länder Europas für die Absicherung dieser Schulden in die Haftung zu nehmen, zumal riesige Verluste aus der Finanzierung der inflationären Wirtschaftsblasen der südlichen Länder absehbar sind.“ Wenn die Schuldner aber nicht zurückzahlen könnten, gebe es nur eine Gruppe, die die Lasten tragen könne: die Gläubiger selber, denn nur sie verfügten über das notwendige Vermögen und seien das „Investitionsrisiko bewusst eingegangen“.

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Merkel sieht kein Einknicken, Seehofer rebelliert

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  • Bitte nicht resignieren! Nur gemeinsam können wir von der Basis her was verändern! Wer genug hat von den Märchenstunden der Politik, der muss sich jetzt endlich bewegen. Der deutsche Michel ist letharg - aber nicht blöd!

    Es gibt eine Alternative - eine neue Partei - "Die Alternative"!!!!!!! Ich denke, einbringen und mitmachen lohnt sich und befreit aus der Ohnmacht, auch wenn der Weg lang wird!

  • Für mich persönlich steht schon seit langer Zeit fest, dass sich auch Deutschland zwischenzeitlich in einer schlimmen (für mich über Generationen nicht mehr rettbaren) finanziellen Situation befindet. Zu den bereits genannten Schulden und Verpflichtungen/Bürgschaften kommen ja bestimmt auch noch diverse von weiteren hohen Schulden geprägte Schattenhaushalte die ausgelagert wurden noch hinzu.

    Wie bei einem Flugzeug dass wenn es beim Start den kritischen Punkt auf der Startbahn überschritten hat und damit den Start nicht mehr abbrechen kann, genau in dieser Situation, sehe ich unsere Regierung. Ob sie will oder nicht jetzt hängt sie im Schub der Triebwerke (ob diese brennen oder nicht)und muss mit in die Luft auf Gedeih und Verderb.

    Wenn sie klug ist leitet sie sofort eine kontrollierte Notlandung ein. Wenn es nicht kontrolliert und professionell erfolgt, dann erfolgt ein Crash mit all seinen Auswirkungen.

    Sollte die Notlandung nicht erfolgen (z.B. wenn der Pilot meint mit einer Düse weiterfliegen zu können), dann folgt als nächstes die europäische Einheitskranken- und Pflegeversicherung sowie auch eine europäische Rentenversicherung.

    Der Euro als solches ist für mich zwischenzeitlich eine Art Luftwährung da auch bei uns unser Sozial- und Wirtschaftssystem mit sehr viel "Luft" in Form von Schulden, prekären Arbeitsverhältnissen, vielen Versprechungen und Ankündigungen, Hetze im Arbeitsleben u.v.m., unterfüttert wird.

    Auf solch einen offenen Brief habe ich lange gewartet! Können sich so viele Wissenschaftler alle täuschen? Ich meine nein!

    Dass Herr Schäuble nicht gerade darüber erfreut ist, verstehe ich. Liegt doch der Bundesregierung sehr viel daran seinen Bürgern ein "wohles" Bild aufzuzeigen um Panik zu vermeiden.

    Die Lage für uns ist Ernst. Sehr ernst!

  • Danke für Ihre Antwort,
    aber wenn ich lese, das immer noch über 54% der Deutschen den Euro prima finden und denken, Deutschland sei der grosse Profiteur dieser EU, dann haben die Massenmedien einen guten Job in Desinformation und Manipulation gemacht.

    WIR, die "Belesenen" sind einfach zu wenig. Ich hatte neulich eine heftige Diskussion in meinen Freundeskreis um den ESM und den letzten Eurogipfel.

    Was soll ich sagen, ich habe aufgegeben. Selbst studierte Menschen die Zusammenhänge zu erklären, ist unmöglich und stört die Komfortzone.

    Totschlag-Argumente wie "warum steht es den nicht in der Zeitung oder Fernsehen" oder alles nur Verschwörungsblödsinn kriegen sie zu hören.

    Aber dennoch danke an das HB.

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