Übergewicht
Dickes Problem

Übergewicht ist längst eine Belastung für die Volkswirtschaft - jetzt suchen auch Ökonomen nach Ursachen und Lösungen. Doch sonst erfolgreichen Rezepte von Ökonomen kommen bei der Fettleibigkeit an ihre Grenzen.
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DüsseldorfSein Bauch wölbte sich über dem Hosenbund, seine Cholesterinwerte waren haarsträubend und seine verfettete Leber versetzte den Hausarzt in Panik. 30 Tage reichten aus, um aus einem gesunden, sportlichen Mann einen lethargischen Fettwanst zu machen. 30 Tage, in denen der US-Regisseur Morgan Spurlock ausschließlich Fastfood in sich hineinstopfte und in denen er keinen Schritt mehr macht als unbedingt nötig.

Der Selbstversuch, für die Nachwelt im Dokumentarfilm "Super Size Me" festgehalten, demonstriert, was übermäßiger Fast-Food-Konsum und zu wenig Bewegung anrichten.

Für die Industrienationen hat sich dieser Lebensstil zu einem ernsthaften Problem entwickelt. In den USA sind zwei Drittel der Menschen übergewichtig, in Deutschland etwa jeder zweite. Die volkswirtschaftlichen Kosten der Volkskrankheit Übergewicht summieren sich auf Milliarden Dollar und Euro pro Jahr. Neben Medizinern und Ernährungswissenschaftlern suchen daher immer mehr Ökonomen nach Gründen und Lösungen für die Verfettung der Gesellschaft.

Als eine der gewichtigsten Ursachen identifizieren sie die Omnipräsenz von Schnellrestaurants. In den USA haben die Bewohner einer 10000-Einwohner-Stadt heute im Schnitt die Wahl zwischen 14 Fast-Food-Filialen. Ein Forscherteam um Berkeley-Professor Enrico Moretti hat in einer Langzeitstudie gezeigt: Je näher Menschen es zu einem Schnellimbiss haben, desto eher werden sie fett.

Grundlage der Arbeit sind Daten von sechs Millionen US-Schülern und schwangeren Frauen. Wenn in unmittelbarer Nähe einer Schule ein Fast-Food-Restaurant eröffnete, stieg der Anteil der übergewichtigen Kinder um mehr als fünf Prozent an. Bei den Frauen fiel der Effekt geringfügig schwächer aus. Gerade bei Schülern könnte es "einen erheblichen Effekt haben", den Zugang zu fett machenden Burgern und Fritten zu erschweren, so das Fazit der Studie.

Dass sich der Anteil der krankhaften Fettleibigen an der US-Bevölkerung seit 1980 beinahe verdoppelt hat, führen Ökonomen außerdem darauf zurück, dass Mütter heute in der Regel erwerbstätig sind. Weil weniger Zeit zum Kochen bleibe, würden Kinder häufiger mit Fertiggerichten abgespeist.

Hinzu kommt die ständige Berieselung mit TV-Spots von McDonalds, Burger King und Co. Ein Forscherteam um den New Yorker Ökonomen Michael Grossman hat festgestellt: In den USA sieht jedes Kind im Jahr 40000 Werbespots für Fast Food. "Ein Verbot dieser Werbung würde die Zahl der übergewichtigen Kinder zwischen drei und elf Jahren um 18 Prozent reduzieren", prognostizieren die Forscher. In einer im März 2011 veröffentlichten Studie bestätigen die Ökonomen Tatiana Andreyeva, Inas Rashad Kelly und Jennifer L. Harris diesen Befund: Kinder, die zwischen 2002 und 2004 100 zusätzliche Werbespots für mit Zucker gesüßte Softdrinks gesehen haben, konsumierten 2004 9,4 Prozent mehr dieser kalorienhaltigen Getränke. Bei Fast-Food-Restaurants erhöhten 100 zusätzliche Werbespots den Konsum um 1,1 Prozent.

Der Volkswirtschaft kommt die Fettleibigkeit teuer zu stehen. In den USA sterben pro Jahr rund 400000 Menschen an den Folgen von Übergewicht, schätzen Ökonomen - beinah so viele Tote, wie das Rauchen jedes Jahr verursacht.

Ähnlich alarmierend fallen die Zahlen in Deutschland aus. Der Hamburger Gesundheitsökonom Alexander Konnopka kommt mit zwei Co-Autoren zu dem Schluss: Rund 36600 Menschen sterben in Deutschland jährlich an den Folgen von Übergewicht. Die Behandlung der durch Fettleibigkeit verursachten Krankheiten wie Diabetes und Herzprobleme koste 4,85 Milliarden Euro pro Jahr. Hinzu kämen langfristig weitere fünf Milliarden Euro, weil Übergewichtige früher aus dem Arbeitsmarkt ausschieden.
Schwer tun sich die Ökonomen bei der Frage, wie der Trend umgekehrt werden kann. Normalerweise propagieren sie, übermäßigen Konsum durch höhere Steuern einzudämmen. Einiges spricht dafür, dass dieses Instrument bei Lebensmitteln versagt. So argumentieren die Ökonomen Stephen Clark und Ludwig Dittrich: Es sei völlig unklar, ob ein höherer Preis für Dickmacher tatsächlich zu gesünderer Ernährung führe. Anders als bei Zigaretten sei es sehr kompliziert, jedes Lebensmittel nach seiner Gesundheitsgefährdung zu besteuern. Auch weil es Produkte wie Fruchtsäfte gebe, die in Maßen gesund, im Übermaß aber bedenklich seien.

Das beste Instrument im Kampf gegen die Fettleibigkeit ist nach Ansicht von Ökonomen, Kinder früh über gesunde Ernährung und die Bedeutung von Bewegung aufzuklären. John Cawley, Gesundheitsökonom an der New Yorker Cornwell Universität, kommt zu dem Schluss: Gesundheitskurse, die bei den Teilnehmern zu einem zusätzlichen Lebensjahr mit guter Lebensqualität führen, kosten in Grundschulen 900 US-Dollar. In der zehnten Klasse wäre ein Kurs mit dem gleichen Ergebnis viermal teurer.

Viele Ökonomen fordern die Politiker daher auf, gezielter in frühe Gesundheitsaufklärung zu investieren. Auf die Unterstützung der Steuerzahler können die Politiker dabei nicht zählen, zeigt eine Umfrage im Bundesstaat New York. Dort wäre nur jeder dritte Einwohner bereit, für bessere Gesundheitsaufklärung höhere Steuern zu bezahlen.

Links zum - teilweise kostenpflichtigen - Download der zitierten Studien hier.

Kommentare zu " Übergewicht: Dickes Problem"

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  • Viele Produkte, wie Fruchtjoghurts u.a. sind total überzuckert. Aber solange die EU solche Produkte sogar noch subventioniert, wird sich nichts ändern!
    Auch fehlt es den meisten Leute nicht an Zeit, sich was Vernünftiges zu kochen, sondern sie sind einfach zu faul, selbst ein Essen zuzubereiten. Denn ein leckeres Gericht muss nicht viel Zeit (und Geld) beanspruchen. Man muss nur wissen, wie man es macht. Vielleicht wäre es sinnvoll, mal einen Kochkurs zu besuchen? In der Praxis lernen ist besser als jede Theorie.

  • Die Lebensmittelindustrie ist ja stets bemüht, dem Verbraucher noch mehr unsinnige Produkte ins Regal zu stellen. 90% dieser Fertigprodukte werden zwar nicht zum Leben gebraucht, aber sie sind ja so schön praktisch und werden auch finanzkräftig beworben. Wenn hier politisch nichts passiert, wird es noch schlimmer werden.

    Ähnlich wie bei Zigaretten müssen auch die "schädlichen" Lebensmittel komplett aus er Werbung genommen werden. Das hieße für McDonalds und co., dass sie nicht mehr werben dürften. Auch Subventionen für die Fleischproduktione muss komplett gestrichen werden. Aber die Lobbyisten dieser Konzerne, werden dass erst einmal zu verhindern wissen. Leider darf man auch nicht auf die Intelligenz der Verbraucher hoffen. Somit wird uns dieses Problem noch viele Jahre erhalten bleiben.

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