04.02.2010

„L'homme qui marche I“: Skulptur bricht alle Rekorde

Fast 30 Jahre lang stand der 183 Zentimeter große "L'homme qui marche I" auf der sechsten Etage des Hauptquartiers der Dresdner Bank in Frankfurt. Die Commerzbank erbte das Meisterwerk Giacomettis. Jetzt kam die Bronze für gut 104 Millionen Dollar unter den Hammer – und wurde damit das teuersten Kunstwerk der Auktionsgeschichte.

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Die Skulptur "L'homme qui marche I" erzielte das höchste Auktionsgebot der Geschichte. Quelle: dpaLupe

Die Skulptur "L'homme qui marche I" erzielte das höchste Auktionsgebot der Geschichte. Quelle: dpa

LONDON. Auf Augenhöhe mit den Bankern, die dort in die Konferenzen schritten - und doch in einer ganz anderen Welt: Ein Symbol menschlicher Zerbrechlichkeit und Würde, das Ängste, Demütigungen und Hoffnungen der Zeitgenossen des 20. Jahrhunderts ausdrückt - und eine Kunstikone wurde. Wussten die Banker überhaupt, was da im Flur stand?

Am Donnerstag jedenfalls staunte man bei der Commerzbank in Frankfurt nicht schlecht: "Natürlich freuen wir uns über den großen Erfolg", sagte der Pressesprecher. Kein Wunder: Wenige Stunden zuvor war Alberto Giacomettis (1901-1966) Skulptur zum teuersten Kunstwerk der Auktionsgeschichte geworden. Für umgerechnet 104,3 Mio. Dollar wechselte das Werk von der Commerzbank in den Besitz eines anonymen Käufers, der per Telefon geboten hatte.

Ironie derGeschichte

Eine gewisse Ironie der Geschichte besteht darin, dass Giacomettis Bronzefigur eines schreitenden Mannes erst im Zuge der Bankenkrise - die übrigens auch die Spekulationsblase am Kunstmarkt platzen ließ - auf den Markt kam. Im vergangenen Jahr hatte die Commerzbank die kriselnde Dresdner Bank übernommen, in deren Besitz sich der "L'homme qui marche I" ja befand. Nur weil die Commerzbank ihre Sammlung neu ausrichtete, kam auch Giacomettis Werk unter den Hammer. Über dem Los Nummer 8 im Sotheby's Katalog der Moderneauktion stand jedenfalls immer noch "Früheres Eigentum der Sammlung der Dresdner Bank AG".

Sotheby's hatte mit einem wesentlich geringeren Auktionsergebnis gerechnet. Doch Giacomettis meisterhafte Bronze wollten nicht weniger als ein Dutzend Bieter haben. Zum Schluss verwandelte sich das Bietergefecht in ein Duell - unter Stöhnen und Lachen im Saal machten zwei Telefonbieter den Deal unter sich aus. "Auf diese Skulptur habe ich mein Leben lang gewartet", habe einer der Duellanten gesagt, berichtete Sotheby's-Spezialist Philip Hook.

Giacomettis "Schreitender" ist eine Skulptur mit viel "Bankerfahrung". Der Schweizer Künstler konzipierte sein Werk 1961 für die Plaza der New Yorker Chase Manhattan Bank. Dresdner-Vorstand Manfred Meier-Preschany ließ es dann 1980 kaufen. Dabei wird er sicherlich nicht mit einem zumindest in Giacomettis Fall so glorreichen und zugleich traurigen Ende der Sammeltätigkeit seiner Bank gerechnet haben.

Schärfere Bewachung

Verkauft wurde der Giacometti jetzt, weil er zum alten Gebäude der Dresdner Bank gehörte, das mit der Übernahme durch die Commerzbank im Januar 2009 "obsolet" wurde. Man hatte für die Skulptur ebenso wenig Verwendung mehr wie für andere Kunst aus dem Besitz der Dresdner Bank.

"Im Zuge der Integration der Banken richtet die Commerzbank die Kunstsammlungen der ehemaligen Dresdner neu aus", verkündete die Bank damals. Die 100 besten Werke der Sammlung wurden führenden Museen in Frankfurt, Berlin und Dresden als unbefristete Leihgaben zur Verfügung gestellt. Verkaufen, das würde sich in einem kunstliebenden Land wie Deutschland nicht schicken. "Wir möchten, dass möglichst viele Menschen die Werke der Kunstsammlung der ehemaligen Dresdner Bank sehen können", sagte Commerzbank-Vorstandssprecher Martin Blessing.

Allerdings wussten zumindest einige Banker, dass der Giacometti ein besonderes Kaliber war: Um kein Museum zu bevorzugen, wurde er nun zugunsten des neuen Stiftungszentrums der Commerzbank verkauft.

Die Duisburger Ausstellung mit rund 120 Werken von Giacometti wird nach dem Auktionsrekord jetzt übrigens schärfer bewacht. "Es gibt jetzt eine andere Begehrlichkeit im Publikum", sagte der Chef des Duisburger Wilhelm Lehmbruck Museums, Raimund Stecker.

Teuerste Kunstwerke

Alberto Giacomettis "L'Homme qui marche I" erzielte mit 104,3 Mio. Dollar die höchste jemals bei einer Auktion gezahlte Summe. Bei Privatverkäufen wechselten Kunstwerke allerdings für noch mehr Geld den Besitzer. Die Rangliste der Top-Verkäufe:

1. Jackson Pollock "No. 5, 1948", 140 Mio. Dollar

2. Gustav Klimt "Adele Bloch-Bauer I", 135 Mio. Dollar

3. Alberto Giacometti "L'Homme qui marche I", 104,3 Mio. Dollar

4. Pablo Picasso: "Junge mit Pfeife", 104,2 Mio. Dollar

5. Pablo Picasso "Dora Maar mit Katze", 95,2 Mio. Dollar

6. Gustav Klimt: "Adele Bloch-Bauer II", 87,9 Mio. Dollar

7. Francis Bacon "Triptych, 1976", 86,3 Mio. Dollar

14 Bewertungen: *****
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