Aktie ist begehrt
Lindt & Sprüngli hat die Grenzen des guten Geschmacks erreicht

Süßer die Glocken nie klingen – als in diesem Jahr, in dem der Schweizer Schokoladenhersteller Lindt & Sprüngli ein goldenes Glöckchen, wie es bisher nur die Osterhasen der Marke trugen, um die Taille seiner Nikolausfiguren legt.

ZÜRICH. Lindt profitiert von seiner konsequenten Ausrichtung auf den gehobenen Geschmack. Während andere Lebensmittelproduzenten ihre Margen wegen Rabatten, die sie Aldi und Co. einräumen, schwinden sehen, haben die Schweizer Zahlen vorzuweisen, die bislang auch der Börse schmecken.

Im ersten Halbjahr verkaufte sich der klingelnde Osterhase so gut, dass der Umsatz um 15 Prozent auf rund 505 Mill. Euro zugenommen hat. Lindt kam zusätzlich der kühle Frühsommer zu Gute, der den Appetit auf Schokolade und Pralinen weniger zügelt als eine Hitzewelle. Aber auch die Strategie des Produzenten aus Kilchberg am Zürichsee ging auf: Er ist besser als die Konkurrenz, weil er vor allem in jenen Märkten expandiert, in denen der Hunger auf Schokolade noch nicht gestillt ist. Lindt-Chef Ernst Tanner – Motto: „Schokolade macht nicht dick, sondern glücklich“ – hat erkannt, dass angesichts von zehn Kilogramm Schokolade, die Deutsche und Schweizer jährlich verputzen, Zuwachsraten hier bescheiden ausfallen müssen. Er konzentriert sich deswegen auf Amerikaner und Italiener. Die schaffen, was ihren Schokoladenkonsum anbelangt, jährlich nicht mal die Hälfte.

Weil ihre Strategie so gut aufging, haben es die Schweizer 2004 zum ersten Mal in ihrer Geschichte geschafft, schon in den ersten sechs Monaten ein Betriebsergebnis zu erzielen, das im Plus liegt. Normalerweise ist es erst das Weihnachtsgeschäft, das einen Großteil des Umsatzes ausmacht. 40 Prozent der Ware verkaufen sich im ersten halben Jahr, der Rest in der zweiten Hälfte. Die Kosten allerdings bleiben gleich. René Weber von der Schweizer Privatbank Vontobel sprach angesichts der Halbjahreszahlen von einem „sensationellen“ Ergebnis und stufte den Titel damals herauf. Und James Amoroso von der Genfer Bank Pictet stellte fest: „Das einzige Risiko bei diesen Zahlen ist, dass der Finanzmarkt bald bei jedem Zwischenresultat eine positive Überraschung erwartet.“

Damit allerdings hat Amoroso einen wunden Punkt angesprochen. Der Erwartungsdruck, unter dem die Schweizer stehen, ist enorm. Erfüllen sie ihn einmal nicht, wird das den Appetit der Anleger auf die Aktie ähnlich zügeln wie ein verdorbener Magen, der keinen Hunger auf Schokolade verspürt. Die Aktie ist trotz ihres stolzen Preises von zuletzt 1 523 Schweizer Franken begehrt. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis wird nach Schätzungen von Analysten im nächsten Jahr bei 21 liegen und damit den höchsten Wert im Vergleich zu allen Konkurrenten erzielen. Die Anlageexperten der Schweizer Großbank UBS haben deswegen die Aktie von Lindt & Sprüngli von der Liste der Kaufempfehlungen genommen und geben als neue Einstufung „neutral“ an. Sie sehen bis auf weiteres keine Gründe für ein Ansteigen des Kurses. Auch Amoroso von Pictet kommt zu dieser Empfehlung.

Die Analysten honorieren damit die robuste Geschäftspolitik und die Aussicht auf mehr Wachstum in bestimmten Auslandsmärkten. Sie erkennen aber auch die Grenzen eines Herstellers, der sich ausschließlich auf ein Segment im Lebensmittelbereich konzentriert und damit Phantasien für größere Akquisitionen keinen Spielraum lässt.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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